Enno Stahl las aus dem Roman „Winkler, Werber“

Bloß immer richtig im Flow bleiben

Enno Stahl Foto: privat/nh

Kassel. Eigentlich wollte er ja mal etwas Positives schreiben. Eine fröhliche Rheinreise zum Beispiel. Doch auch die wäre ihm in die Krise gesteuert. In dem neuen Roman von Enno Stahl „Winkler, Werber“ ist es so eine Schifffahrt geworden, ein Betriebsausflug von Koblenz nach Bad Neuenahr, lautes Singen und strammes Trinken, Casinobesuch inklusive, bei dem sich Ängste und Stress des Werbetexters Winkler in einer Explosion entladen.

Enno Stahl las im Literaturbüro Nordhessen im Kunsttempel vor einer kleinen Zuhörerschar aus seinem Buch: Einer bitteren Gesellschaftskritik, die die Wirtschaftkrise in einer persönlichen Krise widerspiegelt. Wie dieser nicht mehr ganz junge Werbetexter Jo Winkler, zynisch und sich selbst überschätzend, sich immer weiter weg vom eigenen Ich entwickelt, gegen Stress, Konkurrenzdruck, körperliche Warnsignale und Panikattacken anrennt, bringt der Autor aus Düsseldorf in seiner lebendigen Lesung mit viel schauspielerischem Talent zum Ausdruck. Dieser Winkler ist ein Hamster im Laufrad der sich verschärften Arbeitsbedingungen: „Immer im Flow bleiben.“

Was dieses Buch faszinierend macht, ist die Erzählperspektive. Stahl schreibt es als eine Art inneren Monolog, beschleunigt oder verlangsamt seinen Erzählstil mit den dahineilenden Gedanken seines Protagonisten, seinen Assoziationen: Weltansichten und Einschätzungen nur durch die Brille von Winkler gesehen. Dem Autor gelingt so ein gestochen scharfes Psychogramm eines Egoisten und Zockers.

Das anschließende Gespräch mit Karl-Heinz Nickel und Ilona Lehnart vom Vorstand des Literaturbüros, das die Veranstaltungsreihe „Krise. Welche Krise?“ in diesem Sommer ausrichtet, umkreist dann insbesonders die neuzeitlichen Arbeitsbedingungen und das, „was der Druck mit einem macht“.

Enno Stahl: Winkler, Werber, Verbrecher Verlag, 320 Seiten, 22 Euro.

Von Juliane Sattler

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