"Bloß nicht an den Hörer denken": Juli-Sängerin Eva Briegel im Interview

Manche werden nach dem ersten Hören des neuen Juli-Albums mäkeln, dass schon wieder kein Mega-Hit wie einst „Perfekte Welle“ darauf sei. Na und? „Insel“ bietet sehr schönen und melancholischen Midtempo-Pop, der in den besten Momenten an The Cure und Interpol erinnert.

So etwas sollte viel öfter im Radio laufen als etwa Silbermond, mit denen das Quintett aus Gießen oft verglichen wurde. Der tollen Stimme von Eva Briegel  kann man stundenlang zuhören. Einziges Manko: Hessen haben die Musiker längst verlassen, sie leben in Berlin. Wir sprachen mit der 36 Jahre alten Frontfrau.

Während der Produktion von „Insel“ waren Sie mit Ihrer Band eine Woche mit einem Boot auf der Müritz unterwegs. Wieso sind Sie nicht gleich nach Amrum gefahren, auf Ihre Lieblingsinsel? 

Eva Briegel: Weil man auf der Müritz ohne Bootsführerschein fahren kann. Wir sind nicht hochseetauglich. Und weil die Mecklenburgische Seenplatte eine geile Landschaft bietet. Man denkt, man sei in Schweden oder Kanada. Wir hatten gerade eine schwierige Phase im Studio. Da habe ich gesagt: Lasst uns mal rausgehen. Das Boot ist eine schöne Metapher. Als Band unternehmen wir quasi eine Reise, die schon 15 Jahre dauert. Wir sind immer in derselben Besetzung, aber unser Boot verändert sich ständig.

„Insel“ ist für Juli-Verhältnisse ganz schön melancholisch und traurig geraten. Hatten Sie zuletzt keine geile Zeit? 

Briegel: Die neuen Songs werden ganz unterschiedlich wahrgenommen. Wir haben auch schon gehört, dass es ein wahnsinnig fröhliches Album sei. Wir selbst empfinden es auch eher als unbeschwert. Dass die neuen Lieder dann vielleicht doch etwas traurig klingen, liegt am Charakter der Band, der grundmelancholisch ist.

Denkt man beim Schreiben daran, wie man noch einmal so einen Hit wie „Perfekte Welle“ schreiben kann? 

Briegel: Ich hätte nichts dagegen, wenn ein Lied noch mal so erfolgreich wäre wie „Perfekte Welle“. Aber beim Schreiben darf man daran nicht denken. Tobias Siebert, einer unserer Produzenten, hat eine Witz-Postkarte im Studio hängen, auf der steht: „Und immer an den Hörer denken.“ Das ist natürlich total falsch. Man darf nicht an den Hörer denken, sonst gelingt einem nichts Eigenständiges. Man würde nur im vorauseilenden Gehorsam arbeiten.

Andere musizierende Mütter wie Judith Holofernes singen über ihren Familienalltag. Sie erzählen in Ihren Songs dagegen keine Alltagsgeschichten. Wie ist das Leben mit einer Tochter und einem ebenfalls in einer Band spielenden Partner? 

Briegel: Ich kann da keine Unterschiede finden zu einer kinderlosen Musikerin. Außer vielleicht, dass sich die kinderlosen Musikerinnen nachts noch mehr rumtreiben als die Mamas.

Sie treiben sich bis in den frühen Morgen auf Partys rum? 

Briegel: Ja (lacht). Allerdings bereue ich es meist am nächsten Tag. Ich wäre auch sehr unglücklich, wenn das nicht mehr gehen würde. Ich glaube, andere arbeitende Eltern müssen mindestens genauso viel organisieren wie wir. In meinem Bekanntenkreis gibt es einige Familien, wo beide Eltern arbeiten und vier Kinder haben, aber keine Großeltern in Berlin. Da frage ich mich, wie die das eigentlich machen. Meine Tochter ist fast schon überbetreut.

Sind Sie noch oft in Gießen? 

Briegel: Ganz oft sogar. Ich besuche meine Familie und Freunde. Ich gehe gern durch den Seltersweg und lasse mich treiben. Das ist wie Urlaub. Wenn ich den Vogelsberg und das Marburger Land sehe, weiß ich: Alles ist gut.

Juli: Insel (Island/Universal). Wertung: vier von fünf Sterne 

Von Matthias Lohr

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