Sebastian Schug inszeniert Heinrich von Kleists Drama „Penthesilea“ am Kasseler Schauspielhaus

Blutige Meditation über das Unbewusste

Moment der Ruhe: Eva Maria Sommersberg (Penthesilea, vorn) und Caroline Dietrich (Prothoe). Foto: Klinger

Kassel. Zwei Völker stehen einander feindlich gegenüber, seit Jahren schon. Wann beginnt Krieg, wann endet Frieden? Erhitzt und erschöpft zugleich ist die Stimmung zwischen den Kontrahenten. Manchmal weiß man kaum noch, warum man sich eigentlich bekämpft. Diese Themenstellung ist sehr aktuell. Heinrich von Kleist hat sie in seiner antikisierenden „Penthesilea“ anhand eines Konflikts von Griechen und Amazonen erarbeitet. Für das Kasseler Staatstheater inszeniert Sebastian Schug das sex- und bluthaltige Extremdrama. Die Premiere am Freitagabend wurde im nicht ausverkauften Schauspielhaus mit freundlichem Applaus aufgenommen.

Eine überzeugende Begründung, warum das handlungsarme, dialog- und monologüberfrachtete Stück heute einen Platz auf der Bühne verdient, blieb die Inszenierung aber schuldig. Trotz des aktuellen Grundthemas und trotz einiger hübscher, überraschender Regieeinfälle, die im Schug-typischen, leicht ironischen Stil eingebaut sind

Die Amazonenkönigin Penthesilea (Eva Maria Sommersberg) in schwarzer Leggings und der griechische Kriegsheld Achilles (Artur Spannagel) im Netzhemd sehen einander und verlieben sich auf eine Weise, die alle Regeln und Gepflogenheiten sprengt. Sie hebeln das Kriegsgeschehen aus den Angeln – doch Penthesileas blinde Leidenschaft führt es schließlich in die Katastrophe.

Kleists sprachgewaltig ausformulierte (und im Grunde wenig theatrale) Meditation über die Kraft des Unterbewussten hat bei Schug zunächst die Unschuld einer Kinderliebe. Am Ende ist Achilles tot, zwei ganz nackte Körper rutschen blutig-glitschig übereinander, da wird es arg explizit. Es ist schwierig, das Verhältnis von Zurückhaltung und Drastik auszubalancieren, die Unbedingtheit und die im Wortsinn verschlingende Leidenschaft und Lust zu zeigen.

Sommersberg und Spannagel verharren ausgiebig in dem kindlichen Modus. Demgegenüber ist im Mittelteil der Part sexueller Ekstase zu kurz, wenn auch bravourös und unpeinlich gespielt. Das zu lange, überexplizite Schlussbild muss dann so nicht sein. Sommersbergs Penthesilea oszilliert zwischen mädchenhafter Träumerei und Austicken, großartig ist ihr zitternder Kampfaufruf „Hetzt alle Hund’ auf ihn“. Spannagels Achilles ist ein jungenhafter Typ, dem Kriegsposen fernliegen, der eher zum Nachdenken neigt.

Caroline Dietrich spielt Penthesileas Vertraute Prothoe als zornige Großstadtkriegerin mit innerer Hochspannung, Alina Rank ist eine glamourös-abgeklärte Oberpriesterin mit Pornobrille. Christian Ehrich spielt als Achills Hauptmann neben dem Musiker Johannes Winde immer mal eine flirrend-unheimliche Rockgitarre und kann prächtig fechten (Choreografie: Klaus Figge). Bernd Hölscher ist ein Odysseus im Neuköllner Ghettoschick mit Glanzblouson (Kostüme: Nicole Zielke), der die Kriegsermüdung vielschichtig ausarbeitet.

Christian Kiehls karg ausgestattete Bühne kann mit einer herablassbaren Leinwand verengt werden. Manchmal gleißt von unten erbarmungsloses Licht frontal auf die Szenerie, manchmal leuchtet auch eine Art Aquarium auf, das plötzlich viel mehr Wasser offenbart als zunächst sichtbar. Ein verführerisch-schöner Abgrund tut sich auf.

Wieder am 19., 21.2., Karten: Tel. 0561-1094-222.

Von Bettina Fraschke

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