Maik Priebe inszeniert Roland Schimmelpfennigs „Der goldene Drache“ erfolgreich im Kasseler tif

Der blutige Zahn in der Thai-Suppe

Schmerz, lass nach: Matthias Fuchs, Björn Bonn, Christina Weiser, Karin Nennemann und Daniel Scholz (v. links) sind geschockt. Foto:  Klinger

KASSEL. „Aua“, schreit der Asiate. Ein gellender Schrei, ein verzerrtes Gesicht. Die anderen vier stehen hilflos um den wimmernden Kleinen in der Küche des Thai-Restaurants herum. Nochmals ein Stöhnen. Dann wischt sich Christina Weiser mit einer schnellen Bewegung ihres Armes den Schmerz aus dem Gesicht, nimmt den faulen Zahn heraus und steckt ihn in die Brusttasche ihres Herrenhemdes. Schnitt. Die Sonnenbrille im Gesicht, fläzt sie sich auf den Stuhl - ein Machomann, ein „Barbiefucker“, überlegen, dümmlich.

Wie viele Mittel, wie viel Schein braucht ein Theater, um Theater zu sein? Im Kasseler Theater im Fridericianum (tif) zur Premiere von Roland Schimmelpfennigs „Der goldene Drache“ nur wenig. Auf dem Podest von Ausstatterin Ulrike Obermüller stehen fünf Stühle für fünf Schauspieler, davor auf dem Boden einige Requisiten: ein Paar Stöckelschuhe, eine Plastikflasche mit Rote-Bete-Saft, eine Tüte Mehl, ein Paar derb gestrickte Socken.

Fünf Schauspieler springen in über zwanzig Figuren, männlich, weiblich, mitten im Dialog wechseln sie die Rollen, erzählen Handlung, unterbrechen den Spielfluss.

Schimmelpfennig arbeitet nicht nur mit Brecht’scher Verfremdungs-, sondern auch mit der modernen Zapptechnik einer Vorabendserie: Reingeswitcht, rausgeswitcht, und doch entsteht da eine Geschichte: Ein Globalisierungsmärchen von der Ausbeutung der Migranten und der Gleichgültigkeit im Weltgeschehen.

„Der goldene Drache“ erzählt von dem kleinen Asiaten, der an einem herausgerissenen Zahn verbluten wird (Christina Weiser: wunderbar winselnd). Lenkt den Fokus auf seine Schwester (Björn Bonn: sexy und schutzlos), „kaputtgemacht“ von einem Freier. Wechselt zu den beiden Flugbegleiterinnen (Matthias Fuchs und Daniel Scholz: jung und supercool), von denen eine in ihrer Thai-Suppe den blutigen Zahn findet, und ist schon wieder bei dem fleißigen, sparsamen Lebensmittelhändler (Karin Nennemann: ein hässlicher Deutscher).

Immer aber macht die sich durch das Spielgeschehen hindurchziehende Parabel von der hungernden Grille und der sie ausbeutenden Ameise die Sozialkritik transparent. Mit einem Lächeln und ohne moralinsauer zu sein. Das ist die Kunst Roland Schimmelpfennigs, uns in all dem Lachen betroffen zu machen, frieren zu lassen ob dieses Weltbildes. Hier und anderswo.

Und Regisseur Maik Priebe, der mit seinem schnell-präzisen Regiestil dem Theater jede Kulissenhaftigkeit austreibt, lässt dem virtuos agierenden Ensemble bei aller Spiellust auch seine Würde in traurigen, melancholischen Momenten. Theater, wie man es sich öfter wünscht. Stürmischer Applaus im tif für fünf Schauspieler und einen Regisseur.

Wieder am 18. und 20.6., Karten: Tel. 0561/1094-222.

Von Juliane Sattler

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