Das Böse schlägt die Liebe: Leonardo DiCaprio in „J. Edgar“

Hat die Verbrecher immer im Blick: FBI-Chef J. Edgar Hoover (Leonardo DiCaprio). Fotos: Warner

Man muss schon ganz genau hinschauen, um Leonardo DiCaprio unter all der Schminke zu erkennen. Fünf Stunden dauerte es täglich, bis Stylisten aus dem 37 Jahre alten Hollywood-Star mit ganz viel Make-up den 40 Jahre älteren FBI-Chef J. Edgar Hoover gemacht hatten. Der blickt in Clint Eastwoods Drama „J. Edgar“ auf sein geschöntes Leben zurück, und so schaut der Zuschauer in den 136 etwas zähen Kinominuten DiCaprio alias Hoover beim Altern zu.

Es ist die perfekte Rolle für den Schauspieler, dessen Stern einst mit dem Untergang der „Titanic“ aufging, der mehr Geld verdient als all seine Kollegen, der aber immer noch auf einen Oscar wartet. Wahrscheinlich konnte nur DiCaprio mit seinen stets finster dreinschauenden Augen diesen Bösewicht spielen, der Schwarze, Kommunisten und Homosexuelle hasste und wohl selbst schwul war.

Das von Autor Dustin Lance Black („Milk“) geschriebene Drehbuch ist eine Geschichte voller Lügen. Er und Eastwood erzählen davon, wie Hoover ab 1924 die Strafermittlung revolutionierte. Mit 22 Jahren begründete der Mann aus Washington das Bureau of Investigation und machte es in seinen 48 Amtsjahren als FBI zur wahrscheinlich berühmtesten Polizeibehörde der Welt.

Die eine Geschichte von „J. Edgar“ ist die, wie Hoover Anarchisten und Verbrecher jagt, über alle wichtigen Personen Akten anlegen lässt, Präsident John F. Kennedy beim Sex mit Marilyn Monroe abhört und sich selbst als Helden feiern lässt. Die andere und interessantere ist die des Privatmanns, der auch als FBI-Chef bei seiner Mutter (Judi Dench) lebt und nur wenige Bezugspersonen hat.

Im Film steht er einmal stotternd vor ihr, weil er zuvor von einer Frau im Club zum Tanz aufgefordert wurde. Er fürchte sich vor Frauen, gesteht er, aber seine Mutter sagt, dass sie sich lieber einen toten als einen schwulen Sohn wünsche. Die einzige andere Frau in seinem Leben blieb seine Sekretärin (Naomi Watts).

Ob Hoover seine Homosexualität wirklich auslebte, lässt Eastwood offen. Nur einmal ist „J. Edgar“ eine Art „Brokeback Mountain im Büro“. Der FBI-Chef schlägt sich mit seinem engsten Mitarbeiter Clyde Tolson (Armie Hammer), der auf eine Frau eifersüchtig ist. Am Ende des Kampfs kommt es zum Kuss, danach siezen sie sich aber wieder.

Ähnlich ist es mit dem Film: Man kommt Hoover ganz nah, trotzdem bleibt einem die Figur seltsam distanziert. Am Ende sagt DiCaprios Stimme aus dem Off: „Die Liebe ist stärker als alles Böse.“ „J. Edgar“ festigt das Bild eines Mannes, dem das Böse wichtiger erschien als die Liebe. Auch das war eine Lüge, die kein Stylist der Welt mit noch so viel Schminke übertünchen kann.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab zwölf

Wertung: Drei von fünf Sternen

www.hna.de/kino

Von Matthias Lohr

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