Der französische Regie-Altmeister Claude Chabrol wird heute 80 Jahre alt - über 70 Filme

Böser Blick aufs Bürgertum

Karrierestart aus Geldüberfluss. Auch mal ein ungewöhnlicher Werdegang. Claude Chabrol fing mit dem Filmemachen an, weil das Erbe seiner ersten Frau verbraucht werden sollte. Doch prompt war sein erster Film „Die Enttäuschten“ 1957/58 so erfolgreich, dass er direkt den zweiten nachschob.

Heute wird Claude Chabrol 80 Jahre alt. Sein Filmschaffen ist noch nicht abgeschlossen, der Mann, der sich als „Buddha des französischen Films“ beschreibt und der Meinung ist, er habe gar kein Ego - während Schauspielerin Isabel Huppert, mit der er viel gearbeitet hat, sagt, sein Ego sei riesig - ist weiterhin aktiv. Erst 2009 arbeitete er für den Kriminalfilm „Kommissar Bellamy“ erstmals mit Gérard Depardieu zusammen.

Fünf Jahrzehnte seines Filmschaffens bewahrte Chabrol dabei die für ihn wichtigen und längst für seinen Stil typischen Merkmale. Er ist bekannt für einen schonungslos-bösen Blick auf die Bourgeoisie. Er schätzt die filmische Beschäftigung mit Verbrechen, er wendet filmstilistisch eine Technik der neutralen Erzählperspektive an, die ihre Hauptfigur wie in einem Laborversuch beobachtet, ohne für oder gegen sie Partei zu ergreifen. Und seine Filme sind von erlesener Eleganz.

Wie sich Menschen aus dem saturierten Bürgertum in Verbrechen verstricken, wie es dazu kommt, dass sie ihre Ehepartner umbringen wollen und was für Auswirkungen das Verbrechen hinterher auf sie hat: Das sind die großen Themen der Filme Claude Chabrols. Die Bourgeoisie sei ihm deshalb so wichtig, sagte er, weil sie in Frankreich die einzige verbleibende Klasse sei. Und genug Stoff für ein Regisseurs-Leben bietet.

Claude Chabrol bildete mit Jean-Luc Godard, François Truffaut, Jacques Rivette und Eric Rohmer eine Gruppe junger Filmkritiker, die eine Erneuerung des erstarrten französischen Films forderten. In ihrer Zeitschrift „Cahiers du cinema“ reflektierten sie über einen neuen Stil, der bewusst subjektiv sein sollte, den Autorenfilm. Ihn nannten sie „Nouvelle Vague“, die neue Welle, und erstes Aushängeschild wurde Chabrols Debüt.

Chabrol wurde 1930 in Paris geboren, als Apothekerkind genau in die reiche Bürgerschicht, die er immer wieder angriff. Er studierte Pharmazie und Literatur und wurde dann Filmkritiker. Chabrol ist zum dritten Mal verheiratet, er hat drei Söhne.

Oft drehte er mit seiner zweiten Frau Stéphan Audran. Filmerfolge des Altmeisters sind aus über 70 Regiearbeiten: „Die untreue Frau“, „Die Phantome des Hutmachers“, „Die Blume des Bösen“, „Biester“ und „Schrei, wenn du kannst“.

Arte zeigt heute ab 20.15 Uhr Claude Chabrols Film „Betty“ aus dem Jahr 1992.

Von Bettina Fraschke

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