Boing! Bumm! Beeeeeep!: "Superhero" im Jungen Theater Göttingen

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Zwischen Comic-Welt und Realität: León Schröder als Don (von links) mit seinen Freunden Raff und Michael (Severin Senge und Henrike Richters) vor der Bildprojektion von Dons Fantasiewelt.

Göttingen. Das glitzerblaue Cape flattert, als sich der Superheld mit der schwarzen Maske vor das heranrasende Auto wirft, um ein kleines Kind vor dem sicheren Tod zu retten. Geschafft. In letzter Minute. Auf Miracle Man ist eben Verlass.

Schon klettert er die Hochhausfassade empor und gleitet von dort in die Straßenschluchten hinab: Freiheit.

Der 14-jährige Don (León Schröder) ist alles andere als frei. Er hat Krebs, ist von der Bestrahlung geschwächt, kriegt Panikattacken und verzweifelt, weil es so schwer zu begreifen ist, dass sein junges Leben schon vorbei sein soll.

Vor allem, weil er noch nie Sex mit einer Frau gehabt hat. Obwohl er pausenlos daran denkt. Wie sich Don in eine von ihm selbst gezeichnete Comicwelt hineinfantasiert, in der er jener Miracle Man ist, und wie er später immer mehr lernt, auch in der Wirklichkeit zurechtzukommen, ist Thema des Theaterstücks „Superhero“. Es entstand nach dem Roman von Anthony McCarten und hatte am Donnerstag im Jungen Theater in Göttingen Premiere.

Es ist ein Stück, das ganz auf Schüler zugeschnitten ist, sie in ihrer Themenwelt abholen will. Katharina Brankatschk inszeniert die 1:45 Stunden, die vor allem von einer Regie-Idee leben: den grandiosen Comic-Zeichnungen der Kasseler Kunsthochschulstudenten Lea Heinrich und Markus Färber. Immer, wenn Don in die Comicwelt eintaucht, werden auf einen meterlangen weißen Lamellenvorhang saalgroße Comic-Bilder projiziert, vor denen die Figuren sich dann bewegen (Videobearbeitung und Kostüme: Axel Theune).

Sprechblasen, Dachlandschaften, Frauenkörper, ein Labor von Miracle Mans Gegenspieler Gummifinger, der ihn mit Strahlen und Geheimwaffen bedrängt. Gezeichnet mit Anleihen an die klassischen Marvel- und DC-Superhelden-Comics der 40er-Jahre hat die lebendige Bildabfolge viel Charme und Witz. Bumm! Wow! Boing!

Denn Miracle Man bleibt nicht der tolle Held, irgendwann werden selbst in seiner Comicwelt die Probleme größer, kann er sich gegen den fiesen Gummifinger nicht mehr zur Wehr setzen.

Und so wird Don notgedrungen zum Kämpfer in seiner echten Welt zwischen Krankenhausbett, dem Bruder Jeff (Severin Senge), den panischen Eltern (Agnes Giese und Jan Reinartz), dem unkonventionellen Therapeuten (Andreas Döring) und seiner angebeteten Shelly (Henrike Richters).

Neben der durchaus überzeugenden Grundidee dieser witzig gezeigten Wechselwirkung zwischen den Welten bleibt die eigentliche Handlung vorhersehbar und eindimensional. Die Schauspieler (alle in mehreren Rollen) haben kaum darstellerische Möglichkeiten, ihren Figuren glaubhafte Gefühle oder unterschiedliche Charakterfacetten zu erarbeiten.

Am Ende fuchtelt der fiese Gummifinger im grünen OP-Kittel mit einer riesigen Strahlenwaffe aus Pappe herum und auf der Projektionswand macht der Comic-Monitor nur noch ein resigniertes Beeeeep. Ein Leben ist zu Ende. Aber mit dem Sex hat es noch geklappt - und zwar in der wirklichen Welt, also ohne Boing, aber mit ganz viel Wow.

Nächste Termine am 24., 26.1., Karten: 0551-495015

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