Sommer Sinfonie: Das European Union Youth Orchestra mit vorzüglicher Ensembleleistung

Der Bolero ohne Dirigent

Spielten teilweise im Stehen und ohne Dirigent: Die Musiker vom European Union Youth Orchestra in der Stadthalle. Foto:  Zgoll

KASSEL Nach der Zugabe, Michail Glinkas Ouvertüre „Ruslan und Ludmilla“, fielen sich die Musiker des European Union Youth Orchestra um den Hals. Einerseits signalisierte dies „Nun ist Schluss“, anderseits konnte man es als Symbol für ein großes musikalisches Einverständnis der 140 Musiker aus den Ländern der Europäischen Union verstehen.

Was davor zu hören war, war dafür eigentlich Beweis genug. Zwei Werke der ewigen Hitliste der klassischen Musik – Ravels „Bolero“ und Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ – umgriffen ein weniger bekanntes Werk: das 2. Klavierkonzert von Sergej Prokofjew. Der großartige ukrainisch-italienische Pianist Alexander Romanovsky spielte den Solopart in diesem genialischen Frühwerk. Die gewaltigen technischen Schwierigkeiten bewältigte er ohne sichtbare Unruhe. Fast ununterbrochen war der Pianist beschäftigt, als Produzent von Klangkaskaden mit dem Orchester und allein. Für den Applaus bedankte er sich mit Zugaben von Skrjabin und Chopin.

Vor Ravels „Bolero“ kam der Leiter des Orchesters, Krzysztof Urbanski, kurz auf die Bühne und setzte sich zur Überraschung der Zuhörer, die die Stadthalle gut zur Hälfte füllten, auf einen leeren Platz. Das Orchester bewältigte das sich langsam steigernde Stück allein, und dies bravourös. Die eher weiche, organisch schwingende Interpretation, die sich originell von so manchem Konzert abhob, bei dem Ravels Evergreen eher technisch angegangen wird, verdankte es gleichwohl dem gerade einmal dreißigjährigen polnischen Dirigenten.

Bei den „Bildern einer Ausstellung“ war er unverzichtbar. Die kurzen Charakterstücke, in denen der russische Komponist Gemälde seines früh verstorbenen Freundes Viktor Hartmann orchestral nachzeichnet, brauchen ein sorgfältiges Dirigat. Und das lieferte Urbanski perfekt: mit großer Übersicht, mit klarer Zeichensprache, mit superben Einfällen im Detail. Die Musiker folgten ihm gebannt, setzten ihre vorzüglichen Ensemblefähigkeit ebenso ein wie individuelles Können. Gewaltiger, voll berechtigter Applaus für dieses Konzert der Reihe „Sommer Sinfonie“ beim Kultursommer Nordhessen.

Dienstag, 20 Uhr, Stadthalle: Gwacheon Symphony Orchestra, Südkorea, mit Robert Leonardy am Klavier und Dirigentin Kyung Hee Kim.

Von Johannes Mundry

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