Packende Live-Momente 

Bosse im Kasseler Kulturzelt: Texte für den Jute-Beutel

+
Packende Live-Momente: Die lieferte Sänger Axel Bosse bei seiner Festival-Warm-Up-Show im Kasseler Kulturzelt.   

Kassel. Sollte Axel Bosse tatsächlich darüber nachdenken, Jute-Beutel mit einigen seiner sinnspruchartigen Textzeilen zu bedrucken, könnte er sich selbst auch gleich eine solche Tüte anfertigen lassen.

„Man bereut nie, was man getan, sondern immer, was man nicht getan hat“ von Marc Aurel würde gut zu seiner Festival-Warm-Up-Show im Kasseler Kulturzelt passen. Denn es gibt kaum etwas, was Bosse am Donnerstagabend nicht tat: Kopfüber stürzte er sich in seiner 80er-Jahre-Gedächtnis-Shorts und im „Refugees-Welcome“-Shirt in Musik, Songs, Erzählungen – in die Herzen der Menschen.

Er gab viele Einblicke in die zweijährige Arbeit an seinem neuen Album „Alles ist jetzt“ (erscheint am 15. Oktober). Ein paar der neuen Lieder, das packend-motivierende „Alles ist jetzt“ und das einfühlsame „Augen zu Musik an“ feierten in Kassel Premiere. Sie wurden vom Publikum ebenso kräftig gefeiert wie die Hits aus fünf seiner Alben, darunter als perfekter Einstieg in den Abend das sich immer wieder ins Positive drehende „So oder So“, die Song gewordene Umarmung „Dein Hurra“ und die Wohlklang-Hymne „Schönste Zeit“.

Bosse ist ein Phänomen. Und das nicht nur, weil er sein Spiel immer wieder minutenlang unterbricht – um kumpelig aus seinem Leben zu erzählen und seine neuen Texte in Julia-Engelmann-Manier vorzutragen, bevor er sie singt –, ohne damit die Atmosphäre nachhaltig zu beschädigen. Die Veröffentlichung seines „Engtanz“-Albums liegt zwei Jahre zurück, in den vergangenen Monaten war er fast vom Radar verschwunden. Als alle Zeichen auf Hype standen, hat er sich Zeit für die neue Musik gelassen. Und: Schon vor dem ersten Ton brach er einen Kulturzelt-Rekord, nach nur drei Stunden war sein Konzert ausverkauft. Was wohl auch daran liegt, dass „Akki“ die gelebte Authentizität ist. Er sucht stets Kontakt zum Publikum, winkt, fordert zum Tanz auf und spricht von Freundschaft. All das wirkt nicht wie klebriger Zuckerguss fürs Publikum – man nimmt es ihm ab.

Seine Stimme warm und angenehm. Die Harmonien wohlüberlegt. Gitarre, Cello, Bass, Schlagzeug, E-Piano, Trompeten immer nah am Ohr, seine tolle Band beliefert ihn mit besten Vorlagen für packende, schweißtreibende Live-Momente. Ein Herzstück ist Sängerin Valentine Romanski. Bosses scheinbar einfach gestrickte Songs entfalten erst nach und nach ihren Texturreichtum. Man erkennt, dass das Gewicht schwer greifbarer Gefühle auf der Lockerheit ruht. Nichts wirkt hingewurschtelt, ist auch nicht perfekt – das Unperfekte ist das Perfekte.

Der aus Braunschweig stammende, in Hamburg lebende Sänger tritt ein für Werte, für die es sich zu kämpfen lohnt. Bosse, das ist auch politischer, rockiger Erwachsenen-Pop (mit HipHop-, Ska-, Reggae- und Indie-Einflüssen) für politische Zeiten. Damit trifft der 38-Jährige den Zeitgeist. Der Applaus ist riesig, der Boden des Kulturzelts dröhnt unter stampfenden Zugabeforderungen. „Ich bereue nichts“, heißt einer der neuen Songs, zu dem der Vater einer Tochter voller Zufriedenheit und „voll wie ein Pferd“ an einem Sommerabend die Idee kam. Er macht Lust auf die neue Musik – und der Titel würde gut auf Bosses neuen Jute-Beutel passen.

Kulturzelt: Heute Carminho, 19.30 Uhr. Immer auch Restkarten an der Abendkasse.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.