Schlagerikone Mary Roos bewegt sich auf ihrem neuen Album hin zum Jazz

Botox und Sommerregen

Attraktiv: Mit 64 wirkt Mary Roos alterslos wie stets. Foto: Universal

Frau Roos, wie lange woll’n Sie das noch machen?“ So fragt Mary Roos in ihrer herrlich ironischen Hommage an sich selbst. Und weiter: „Sind Sie das neue Sprachrohr für die Botox-Fraktion?“ Der Titel „Wie lange woll’n Sie das noch machen“ gehört zu den Höhepunkten auf der neuen CD der 64-Jährigen. Die Schlagersängerin beschreitet mit dem Album „Denk was du willst“ neue Wege. Sie eignet sich Jazz, Bossa Nova, Chanson an. Und das steht der alterslosen Blondine mit dem dramatischen Augen-Make-up gut.

„Dieses Getingel, wie lange trägt das? Sind Sie die neue Johannes Heesters?“

Textzeile aus „Wie lange woll’n sie das noch machen“

Wie flexibel die zierliche Frau mit der charismatischen Stimme ist, zeigt sie am Wochenende, wenn sie beim Schlager-Openair im sauerländischen Willingen in ihrer Kerndisziplin auftritt. Auf die Eingangsfrage für den Neustart muss man also antworten: Machen Sie das bitte noch eine gute Weile.

Jovanka von Wilsdorf und Frank Ramond schrieben die nachdenklichen Texte (die sich künftig aber noch weiter vom Schlager entfernen sollten), Roberto di Gioia, der sonst mit Max Herre und Till Brönner arbeitet, übernahm das Musikalische. An manchen Stellen fragt man sich allerdings, ob bei den Arrangements gespart wurde. Tiefpunkt ist aus diesem Grund ausgerechnet Jacques Brels abgrundschwarzer Chanson „Ne Me Quitte Pas“, der klanglich derart synthetisch rüberkommt, als käme er aus einem Billig-Keyboard.

Die Bingener Hotelierstochter ist seit den 70ern Schlagerkünstlerin, oft Gast der ZDF-„Hitparade“ mit Titeln wie „Arizona Man“, und veröffentlichte in Frankreich auch Chansons. Mit „Nur die Liebe lässt uns leben“ wurde sie 1972 Grand-Prix-Dritte. 2013 saß sie in der Jury für den deutschen Vorentscheid.

Eine Verbeugung vor Brasiliens Bossa-Nova-Künstler Caetano Veloso ist nun dessen zärtliche Liebeserklärung „O Leaozinho“, melancholisch wird es bei „Ist das alles“ mit dem zarten Pianoausklang. Von Jazztrompeter Till Brönner stammt das latin-inspirierte „Adrian“ und bei „Sonntage“ lässt Roos ihre wandelbare Stimme ganz hell scheinen.

„Sommerregen“ ist prototypisch für die CD: Musikalisch eine tolle Hommage an Easy-Listening-Musik der 70er, geht es schwelgerisch und elegant zur Sache, als wäre man vor 35 Jahren auf dem „Traumschiff“ beim Cocktailabend. Textlich wird mit Schlagerklischees jongliert, die ironisch kontrastiert werden, so wird der Sommerregen besungen als Kaschierer für Tränen – aber auch als Weichmacher für die Haut.

Mary Roos: Denk was du willst (Universal), Wertung: !!!!:

Von Bettina Fraschke

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