Moritz von Uslars toller Report aus Brandenburg

Boxen, Bier und blöde Sprüche

Moritz von Uslar Foto: dpa

Was für einen Blick dieser Reporter kultiviert. Ein Blick, so scheint es, von weit oben herab: Auf den ersten Seiten von „Deutschboden“ versammelt Moritz von Uslar alle Klischees, die einem in Szenekneipen in Berlin-Mitte über die vermeintlich öde brandenburgische Provinz mit lauter von Hartz IV lebenden Rechtsextremisten einfallen können. Drei Monate, das ist sein Ziel, will der Journalist und Schriftsteller in einer Kleinstadt leben, diese Vorurteile überprüfen, seine Begegnungen festhalten und am Ende ein Buch schreiben.

Ganz entgegen der Passagen, die die anfänglich überhebliche Perspektive vermuten lassen, hat der frühere „SZ“- und „Spiegel“-Redakteur, der jetzt für die „Zeit“ arbeitet, ein nicht nur sehr unterhaltsames, sondern geradezu warmherziges Buch geschrieben. Es ersetzt manche soziologische Studie. Sein Stil - Protokolle, die immer eigenes Empfinden und Erleben reflektieren -, wird der Welt, die er beschreibt, bestens gerecht.

Alltag in „Oberhavel“, wie der 41-Jährige das 60 Kilometer nördlich von Berlin an der Havel gelegene Städtchen Zehdenick verfremdet, das ist eher nicht das Leben, das er in Berlin führt. Er taucht tief darin ein, steht an der Theke in der Kneipe „Schröder“, freundet sich mit Mitgliedern einer Punk-Rockband an, besucht deren Proben, geht im Boxclub in den Ring und auf die Bretter.

Es wird unendlich viel Bier getrunken, stundenlang mit aufgemotzten Autos hin- und hergefahren, an der Aral-Tankstelle rumgestanden, es werden die blödesten Sprüche gemacht. Und doch: „Ich bin als Fremder gekommen und als Einheimischer gegangen.“ Diese Zuneigung, die er zu manchen seiner neuen Kumpel empfindet, ist spürbar - und nachvollziehbar.

Dass von Uslars Bericht so sympathisch ist, liegt daran, dass er seine Gesprächspartner weder ausgenutzt noch verraten hat. An seiner Rolle hat er keine Zweifel gelassen, offen mitgeschrieben und sein Aufnahmegerät laufen lassen. Er trägt konsequent Hut, als signalisiere das seine Reporter-Funktion. Und doch öffnen sich die Rampa, Raoul, Crooner, Blocky und wie sie alle heißen. (Allein die Zehdenicker Spitznamen und ihrer Entstehung lohnt die Lektüre.)

Und siehe da, es ergeben sich ernsthafte Gespräche - über die DDR, die Umbrüche der Wende und das neue Deutschland (in der DDR hat man eher warmes Bier getrunken!), über verbohrte Rechte und mangelnde Perspektiven. Manches ist deprimierend, wie der allgegenwärtige Alkohol: „Ich kann auch ohne Spaß Alkohol haben“, steht auf einem T-Shirt. Aber vieles hat überraschenden, absurden Witz. Und der Autor eine Form von Gemeinschaft gefunden, die man sich in Berliner In-Kneipen wohl kaum ausmalen kann. Moritz von Uslar: Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung. Kiepenheuer & Witsch, 380 S., 19,95 Euro, Wertung: !!!!:

Von Mark-Christian von Busse

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