Schillers Schauspiel „Wilhelm Tell“ eröffnete die Bad Hersfelder Festspiele in der Stiftsruine

Was brauchen wir zur Freiheit?

Versammelt ums Feuer: Die Männer aus Uri, Schwyz und Unterwalden verbünden sich beim Rütli-Schwur. Foto:  dpa

BAd Hersfeld. Wilhelm Tell lüftet Steppdecken auf einer Leine neben dem VW-Bus, den seine Familie bewohnt. Reichsvogt Gessler gibt mit goldenen Stiefeln tänzelnd den schlüpfrig-glatten Polit-Entertainer. Seine Vasallen gleichen Mafiosi mit finsteren Sonnenbrillen.

Die Urschweizer Landmänner - der Hirte, der Fischer, der Jäger - sehen mit ihren Fusselbärten aus wie Almöhis aus einem Bully-Herbig-Film.

Die Männer und Frauen aus Uri, Schwyz und Unterwalden, die für ihre Freiheit kämpfen und sich frei, gleich und brüderlich im Rütli-Schwur zusammentun, tragen Kleidung der 50er-Jahre: Kostüm, Hut, Krawatte, Anzugweste (Kostüme: Michaela Barth).

Wie passt das alles zusammen in Holk Freytags Inszenierung von Friedrich Schillers Freiheitsdrama „Wilhelm Tell“? In zweieinhalb nicht sonderlich euphorisch beklatschten Stunden gab es darauf bei der Eröffnung der 60. Bad Hersfelder Festspiele keine recht überzeugende Antwort. Freytags eigener Anspruch, den Stoff auf die junge Bundesrepublik und das sich formierende gemeinschaftliche Europa der Nachkriegszeit zu beziehen, löste sich auf der Bühne in der fast ausverkauften Stiftsruine jedenfalls nicht ein.

Ausgewalzt wurde der Gag, Autos (neben dem VW-Bus auch noch einen Kübelwagen für Gessler) über die Bühne kurven zu lassen. Insgesamt gab es wenige große, akkurat durchchoreografierte Bilder (Bühne: Tilo Staudte). Am eindrucksvollsten war die Rütli-Szene: Feuer, Lichteffekte auf dem Gemäuer der Stiftsruine, feierliche Stimmung der beseelt-kämpferischen Aufständischen um Stauffacher (Bernd Kuschmann), Fürst (Günter Schoßböck) und Melchtal (Bernhard Conrad).

Hochspannend war außerdem der Apfelschuss, bei dem Stefan Reck als Gessler zum gefühllosen Eisblock der Macht wurde. Der überzeugende Markus Gertken machte als einzelgängerischer Tell mit Lederjacke sehr genau die psychische Anspannung eines Vaters sichtbar, der von Gessler aus Willkür gezwungen wird, auf seinen Sohn zu schießen.

Blick aufs Persönliche

Überhaupt war immer wieder das Regieansinnen spürbar, den Fokus aufs Persönliche zu lenken, die Beziehungen, die Dialoge zu betonen: Das Private wird politisch. So auch am Ende, wo das Stück nicht mit der fröhlichen Massenszene endet wie bei Schiller, sondern im Kleinen: Mama und Papa Tell wagen mit den Söhnen im VW-Bus den Aufbruch in ihre ganz private Zukunft.

Diesem Anti-Pathos-Bestreben (für das man sich in der riesigen Stiftsruine aber eine bessere Textverständlichkeit gewünscht hätte) stand die Bühnenmusik (Leitung: Wolfgang Schmidtke) oft entgegen: Jazz, Volkstümliches und Trommelwirbel einer kleinen Band im blumenbekränzten Folklorelook sollten dem Geschehen zusätzlich Emotionen injizieren - überlagerten aber zum Teil die Sprechtexte.

Schauspielerische Glanzlichter setzte der 79-jährige Horst Sachteben als Freiherr von Attinghausen. Im Gespräch mit dem Neffen Rudenz (Martin Bringmann) und in seiner Sterbeszene bringt er menschlich-liebevolle Wärme und die visionäre Kraft eines Entrückten zusammen. „Es hebt die Freiheit siegend ihre Fahne“: Wie ein greiser Seher taumelt Sachtleben im offenen Hemd über die Bühne und erfüllt sie souverän mit seiner Ausdruckskraft.

Schelmisch reckt er die Faust, winkt dann zärtlich aus dem Todeskampf hinüber zu den Lebenden: Freiheit braucht liebevolle Ermunterung.

Hersfelder Festspiele bis 8. August, Karten: 06621/201360.

Von Bettina Fraschke

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