Netflix-Chef prophezeit das Ende von ARD und ZDF in zehn Jahren

Braucht man noch Free-TV? - Ein Pro und Kontra

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Reed Hastings

ARD und ZDF braucht kein Mensch. Das sagte der Chef des Streaming-Portals Netflix, Reed Hastings, in einem Interview.

Er glaube nicht, dass die Deutschen in zehn Jahren noch Sonntagabend um 20.15 Uhr vor dem Fernseher sitzend „Tatort“ schauen werden, lautete die Prognose des 54-jährigen Amerikaners.

Den Grund dafür sieht er in den veränderten Sehgewohnheiten: „Die junge Generation kennt das gar nicht. Da schaut jeder, wann er Lust und Zeit hat.“ Deshalb vergleicht Hastings Fernsehsender gern mit dem Telefon. Solche Geräte stünden noch herum, doch kaum jemand benütze sie mehr. Das Smartphone habe seiner Meinung nach das Festnetz abgelöst, so wie in einigen Jahren Streaming-Dienste im Internet das traditionelle, lineare Fernsehen ablösen werden.

Ganz vorn dabei ist Netflix, das inzwischen in 50 Ländern und seit September auch in Deutschland verfügbar ist. Der Streaming-Dienst, bei dem Filme und Serien gegen eine monatliche Gebühr über das Internet abgerufen werden können, zählt derzeit 62 Millionen Nutzer weltweit.

Dass Hastings Prognose nicht ganz abwegig ist und trotz der vielen in Deutschland frei verfügbaren Fernsehsender die Tendenz der Zuschauer immer mehr zu Bezahlfernsehen geht, bestätigt Medienforscher Klaus Goldhammer vom Unternehmen Goldmedia: „Die Zahlungsbereitschaft bei den Zuschauern wird sogar noch größer werden, weil das Angebot der Streaming-Portale zunehmend wächst.“

Einer Goldmedia-Prognose aus dem vergangenen Jahr zufolge werden sich die Umsätze auf dem Streaming-Markt in Deutschland von 2014 bis 2019 nahezu verdreifachen. Nach Zahlen des IT-Verbandes Bitkom nutzen bereits 13 Millionen Menschen in Deutschland Online-TV-Dienste.

Doch es gibt auch Stimmen gegen den Untergang des Fernsehens. Seit dem Jahr 2000 ist die durchschnittliche TV-Sehdauer laut Branchenverband VPRT von 190 auf 221 Minuten pro Tag gestiegen. Die Deutschen schauen also sogar länger fern. Allerdings sind es die Zuschauer über 50 Jahren, die am längsten, im Schnitt 291 Minuten, fast fünf Stunden fernschauen.

Bei den 14- bis 29-Jährigen sind es 124 Minuten, also gut zwei Stunden. Das sind etwa vier Minuten weniger als ein Jahr zuvor. Einig ist man sich jedoch darüber, dass die neuen Möglichkeiten das Fernsehverhalten der Menschen, insbesondere der jungen, weiter verändern werden.

Braucht man noch Free-TV?

Pro - Lohnende Entdeckungen

HNA-Redakteurin Bettina Fraschke (46) sieht das Fernsehen immer noch als soziales Lagerfeuer:

Bettina Fraschke

Der Informationsauftrag der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ist das eine. Für Berichte, Reportagen und Analysen über komplexe Themen wie die Flüchtlingsproblematik sind ARD und ZDF immer noch die beste Quelle. Bei aller Kritik, die man an ihrem Programm äußern kann. Hierfür eine seriöse Ersatz-Informationsquelle zu finden, wäre nicht leicht.

Klar, streamen ist toll, auch ich schaue Beiträge in der Mediathek, wann ich will. Aber das Fernsehen ist aus meiner Sicht nach wie vor das Lagerfeuer, um das sich unsere Gesellschaft versammelt, das eine Auseinandersetzung ermöglicht, Gemeinschaft konstituiert. Siehe beim „Tatort“, der so leidenschaftlich diskutiert wird, wie kaum etwas.

Dazu kommt: Ich zappe gern, und wie oft bin ich zufällig bei einem Programm hängen geblieben, habe mich darauf eingelassen und so die spannendsten Themen, Dokus, Spielfilme entdeckt. Die hätte ich beim Streamen eines vorausgewählten Beitrags nie gefunden.

Kontra - Ich will selbst bestimmen

HNA-Volontärin Viktoria Fischer (31), Volontärin, schaut Filme und Serien, wann und wo sie will:

Viktoria Fischer

Dass Netflix-Chef Reed Hastings der Ansicht ist, die Zukunft gehöre dem Online-Streaming und nicht dem klassischen TV, ist vor allem seiner Rolle als Chef des Unternehmens geschuldet. Doch davon abgesehen, hat er nicht unrecht. Unser Alltag ist schnelllebiger geworden, in vielen Fällen durch die neuen Kommunikationsmöglichkeiten sogar hektischer. Wir wollen den Tag optimal nutzen. Eine fest vorgegebene Sendezeit von Fernsehprogrammen ist da nicht mehr zeitgemäß und das Medium Fernsehen damit überholt. Der Film oder die Serie soll laufen, wann ich gerade will und nicht andersrum. Deswegen sind Online-Portale auch so erfolgreich. Die Zeit, der Ort und vor allem das Angebot können von mir selbst bestimmt werden.

Für Nachrichten gilt das Gleiche. Auch hier will ich entscheiden, wann ich die neuesten Meldungen erhalte: am liebsten sofort. Da bietet mir das Internet viel bessere Möglichkeiten als das Fernsehen.

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