Kultursommer Nordhessen: Konstantin Wecker in Kaufungen mit dreieinhalb Stunden Musik und Poesie

Konstantin Wecker: Er braust und tobt und säuselt

Die Bühne gehörte ihm von Anfang an: Konstantin Wecker in der Kaufunger Stiftskirche. Foto: Fischer

Kaufungen. Und er kriegt sie alle. Überkommt sein Publikum mit einer Wucht, der sich keiner entziehen kann oder will. Konstantin Wecker betritt nicht die Bühne, sie gehört ihm von Anfang an, er spielt nicht Klavier, er zelebriert es.

Diesmal - beim nordhessischen Kultursommer - war es die ausverkaufte Kaufunger Stiftskirche, und das musikalische Urviech Wecker kam mit seinem langjährigen Pianopartner Johannes Barnikel und dem Linzer Spring String Quartet.

Wecker mit Streichern? Das passt, wenn er den Akzent verstärkt auf seine Nähe zur Klassik setzt und so großartige Musiker hat. Dann funktioniert sein Credo „Genug ist nicht genug“ mit Cellobegleitung, ohne bemüht zu wirken.

Doch muss sich Wecker mit seinen 64 Jahren nicht ständig „neu erfinden“. Nur scheinbar ruhig, selbstironisch und abgeklärt, schmeißt er sich mit stimmgewaltiger und körperlicher Wucht in seine Lieder, lässt sich und sein Publikum von ihnen einfangen und wegtragen. „Kein Ende in Sicht, den Anfang verprasst, dazwischen nur tänzelndes Schweben. Den Sinn dieses Unsinns noch lang nicht erfasst, doch immerhin leben im Leben.“

Noch immer hat Wecker Probleme mit dem Begriff Vaterland, er liebt dagegen unverkennbar seine Münchner Mutterstadt, wettert gegen die Mächtigen und Machtmissbraucher dieser Welt, wird gleich darauf süffisant oder leise und zärtlich. Beschwört seine Zeit, den Sommer, noch immer satt und ungeheuer fett. Rezitiert Liebesgedichte der Großen: Goethe, Rilke und Benn, aber auch - nicht ganz unkokett - sich selbst. Dazwischen manchmal kleine Grenzüberschreitungen ins Seicht-Schlüpfrige, wen kümmert‘s bei diesem unverbesserlichen Romantiker, der mit den Jahren weder zynisch noch altersweise geworden ist.

Er braust und tobt, säuselt, scattet und summt, improvisiert mit Versatzstücken, von „Nessun dorma“ bis zu „Ein Männlein steht im Walde“, dass es eine Freude ist. Das Sakko fliegt bald weg, inzwischen hat er sich buchstäblich warmgespielt in den Kirchengemäuern, die zwar viel Atmosphäre, aber leider ebensoviel Hall haben.

Doch Wecker macht sich auch diesen Raum zu eigen, geht in kraftvoll-tapsiger Wecker-Manier immer wieder bis nach hinten durch den Mittelgang - zum Verzücken des Publikums. Wecker-Konzerte waren stets Ereignisse, sie sind es noch immer. Die Stimmung bei den vielen Zugaben gehört dabei zu den schönsten Momenten. Nach mehr als dreieinhalb Stunden frenetischer Applaus, der durch die offenen Türen in den nächtlich-illuminierten Kirchgarten dringt. Weckerleuchten, immer wieder.

Von Ullrich Riedler

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