Härteste Choreografie-Arbeit: Die Flying Steps begeisterten in der Kasseler Stadthalle

Breakdance-Akrobatik zu Bach

Schnell und punktgenau: Die Tänzer von den Flying Steps beim Auftritt in der Kasseler Stadthalle. Foto: Malmus

Kassel. Es war ja eigentlich nur eine Frage der Zeit: Jazzer wie Lennie Tristano oder Jacques Loussier hatten ihn längst adaptiert, als Johann Sebastian Bach in den 60er- und 70er-Jahren dann auch eine enorme Anziehungskraft auf Art-Rock-Bands wie Nice, Ekseption oder Deep Purple ausübte. Von daher wundert es nicht, dass auch Breakdancer die Unermesslichkeit des Bach-Universums für sich entdeckt haben. Experimente sind da, um gemacht zu werden. Ob sie funktionieren, steht auf einem anderen Blatt.

Dass Bach und Breakdance keine unversöhnlichen Gegensätze sind, sondern in einem faszinierenden Cross-over-Konzept aufgehen können, zeigten die Flying Steps jedenfalls am Samstagabend in der ausverkauften Kasseler Stadthalle. Die achtköpfige Breakdance-Truppe aus Berlin-Kreuzberg verblüffte das überwiegend junge Publikum mit Tanz-Choreografien zu Bachs Wohltemperiertem Klavier, die es in sich hatten. Spiritus Rector des „Flying Bach“-Projektes ist der Dirigent und Opernregisseur Christoph Hagel am Flügel. Auf der anderen Bühnenseite die russische Cembalistin Sofya Gandilyan.

Was so locker, leger und geradezu beiläufig wirkt, ist härteste Choreografie-Arbeit. Die Musik beginnt, die Noten beginnen zu tanzen und zu wirbeln und die Flying Steps tanzen und wirbeln auf den Notenpunkt genau. Exakt abgezirkelte Schritte, Moves, akrobatische Bewegung und Verrenkungen, wilde Sprünge, Head-Spins (Kopfstände in schneller Rotation) – alles in verblüffender Übereinstimmung mit der polyphon-raffinierten Barockmusik. Wobei Bach nicht nur klassisch-regelgerecht ertönt, er wurde auch gesampelt, zerlegt mit harten Bässen gefüttert, mit Cuts und Breaks zerlegt. Diese Passagen kommen vom Band und sind eine weitere Brücke zur Gegenwart.

Es bleibt nicht nur beim Wohltemperierten Klavier. Zuletzt wummert die berühmte Toccata und Fuge in d-Moll (BWV 565) durch den Saal. Wo Bach draufsteht, scheint dieser Orgel-Kracher wohl unvermeidlich. Aber das ist so abgestanden und öde, wie bei Beethoven jedes Mal die Fünfte oder bei Mozart stets „Die kleine Nachtmusik“ als Erkennungsmelodie einzuspielen. Standing Ovations, eine Zugabe. Diese nicht zu Bach, sondern frei improvisiert.

Von Andreas Gebhardt

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