Ein Auto als Mordwaffe

"Tatort"-Kritik: Viel besser als heiteres Krimiraten

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Die Kommissare Inga Lürsen (Sabine Postel), und Stedefreund (Oliver Mommsen) mit dem Täter Kristian Friedland (Moritz Führmann) und dessen Vater Jost (Rainer Bock).

Schon früh stand der Mörder im Bremer "Tatort" fest. Das machte aber gar nichts: "Nachtsicht" war eine großartige Psychostudie - mit einer schauspielerischen Entdeckung aus Kassel.

Vor einigen Tagen provozierte die „tageszeitung“ einen Aufschrei unter ihren Lesern. Nach dem Raserurteil von Berlin verglich die Redaktion der Deutschen liebstes Statussymbol mit einer Schusswaffe und titelte: „Autofahrer sind Mörder.“ 

Über die These kann man gewiss streiten. Der Bremer „Tatort“ zeigte nun aber eindrucksvoll, wie das Auto tatsächlich zum Mordinstrument werden kann. Die linke Inga Lürsen (Sabine Postel) ist mit ihrem Kollegen Stedefreund (Oliver Mommsen) die „taz“ unter den „Tatort“-Ermittlern. Gerade haben die Schauspieler angekündigt, 2019 in Rente zu gehen. Die Zuschauer werden sie vermissen.

In Bremen menschelt es meist, und die Figuren vertreten stets eine Haltung – an beidem mangelt es in unserer Gesellschaft, von der die Drehbuchautoren Matthias Tuchmann und Stefanie Veith sowie Regisseur Florian Baxmeyer in „Nachtsicht“ ein eiskaltes Bild zeichneten. Der gebürtige Kasseler Moritz Führmann brillierte als Serienkiller, Rainer Bock, der den Vater spielte, ist ohnehin immer ein Ereignis. Man fragt sich, warum er immer nur die Nebenrollen spielen darf und noch niemand eine große Film- oder Serienfigur für ihn geschrieben hat. 

Dieser „Tatort“ war ein bewegendes Psychodrama über Eltern, die aus Liebe zu ihrem Kind das Böse ausblenden. Der Film bot kein heiteres Krimiraten, sondern zeigte einfühlsam, wie man zum Mörder wird und was das mit den Menschen um einen herum macht.

Am Ende des Jahres, wenn die Mörder-Schlagzeile der "taz" längst vergessen ist, wird man sich vermutlich immer noch an "Nachtsicht" erinnern, als einen der besten "Tatorte" 2017.

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