Von radikaler Aktualität - das Romandebüt der nordhessischen Autorin Leilah Lilienruh

Es brodelt unter der Oberfläche

Verbindet die Zeit: Leilah Lilienruh bei der Lesung im Literaturbüro. Foto: Socher

Kassel. Unter dem Wasser liegt das Dorf. Untergegangen bei einem Staudammbruch. Jetzt schimmert es bläulich durch die Oberfläche. Versunken, aber nicht vergessen. Die Menschen aus Barkelow, die ein neues Dorf am Hang des Tals gebaut haben, sind mit unsichtbaren Fäden mit der Vergangenheit verbunden. Eine Vergangenheit, die von Schuld erzählt, von Schwäche, Verführbarkeit und Mitläufertum. Schweigen, damit es weitergeht. Menschen sind so, damals wie heute.

Die nordhessische Autorin mit dem Pseudonym Leilah Lilienruh hat mit ihrem Romandebüt „In glasgrüner Stille“ einen Mistery-Thriller von radikaler Aktualität geschrieben. Denn die Geschichte von dem untergegangenen Dorf, in dem ein Pfarrer sein Amt dafür ausnutzt, um Kinder zu missbrauchen, zielt mit ihrem Plot direkt ins Heute, verstärkt die aktuelle Diskussion um die Kirche und das Zölibat.

Dabei hat Leilah Lilienruh, wie sie jetzt bei der Vorstellung ihres Romans im Literaturbüro Nordhessen unterstreicht, eine Kurzprosa zu diesem Thema bereits 2005 geschrieben. Den Roman selbst habe sie Ende letzten Jahres abgeschlossen: „Doch ich war auf Missbrauchsfälle schon lange aufmerksam geworden.“

Der Mistery-Thriller wechselt zwischen zwei Zeitebenen: 1905, neun Wochen bevor die Fluten das Tal überschwemmen, und 2003, als eine Familie in dem Provinzkaff im Osten Urlaub macht. Leilah Lilienruh, die eigentlich Martina Wenzlaff heißt und in den Achtzigern Volontärin der HNA war, liest mit mimischem Gestus über eine Stunde aus den mysteriösen Begebenheiten, die die wilhelminische Zeit mit dem Heute verbinden.

Gute Recherche, stilistische Sicherheit und ein historischer Kontext machen den Roman mit den Monstern und Ungeheuern aus den Tiefen der menschlichen Seele zum spannenden Lesevergnügen.

In der anschließenden Diskussion unter der fachkundigen Moderation von Karl-Heinz Nickel vom Literaturbüro weiß die Autorin wohl, dass zu Beginn des Jahrhunderts ein Kindesmissbrauch kaum in dieser Form an die Öffentlichkeit gelangt wäre, doch sie meint selbstbewusst: „Ich wollte, dass es einmal jemand sagt, und deswegen sagt es in meinem Buch jemand.“

Leilah Lilienruh: In glasgrüner Stille. Mystery-Thriller. Wortquelle-Verlag Ralf Möller, 420 Seiten, 12,95 Euro.

Von Juliane Sattler

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