Mit einem radikalen Video sorgt die englische Musikerin M.I.A. für einen Skandal

Brutaler geht’s nicht

Auf Youtube zensiert: Der neunminütige Clip zu „Born Free“ mit dem Kinderdarsteller Ian Hamrick. Screenshot: nh

Am liebsten würde Mathangi Arulpragasam gar nicht mehr über diesen Film reden. Aber nun, da der neunminütige Clip zu ihrem Song „Born Free“ vom Internet-Portal Youtube gelöscht wurde, muss die englische Musikerin, die sich M.I.A. nennt, etwas zum „brutalsten Musikvideo des Jahres“ („Bild“) sagen.

In einem Interview hat die 34-Jährige bekannt, dass der Film sie ein bisschen an modernes Ballett erinnere, weil er rennende Jungs zeige. Schön anzusehen ist das jedoch nicht. Wahrscheinlich wird es niemanden geben, den diese Bilder kalt lassen. Zu rauen Punk-Rhythmen treibt eine paramilitärische US-Einheit rothaarige Kinder und Jugendliche in Los Angeles zusammen, misshandelt sie und kutschiert sie in die Wüste. Dort wird ein etwa zehnjähriger Junge per Kopfschuss hingerichtet. Die anderen müssen über ein Minenfeld laufen, bis Arme und Beine durch die Luft fliegen.

Es ist nicht der erste Skandal, für den die aus Sri Lanka stammende Musikerin sorgt. In dem aus ihrem Debütalbum „Arula“ stammenden Lied „Sunshowers“ singt sie: „Ich gebe nicht auf, wie die PLO.“ Und in „Paper Planes“, das Kinofans aus dem oscarnominierten Soundtrack von „Slumdog Millionaire“ kennen, hört man neben einer gefälligen Pop-Melodie und HipHop-Beats Revolverschüsse. MTV spielte den Song nur, nachdem M.I.A. den Klang der Pistolen durch andere Samples ersetzt hatte.

Die Tochter eines tamilischen Freiheitskämpfers versteht sich als politische Künstlerin, die auf Seiten der Schwachen steht. Sie selbst kann nur eingeschränkt zu ihrem Mann und dem einjährigen Sohn nach Los Angeles reisen, weil die US-Behörden ihren Vater als Terroristen führen.

Der düstere Clip zu „Born Free“ spielt auf eine Folge der US-Comic-Serie „South Park“ an, in der Rothaarige diskriminiert werden, um zu zeigen, wie bescheuert so etwas ist. Gedreht hat den Film Romain Gavras, der Sohn des griechisch-französischen Regisseurs Constantin Costa-Gavras („Z“). Wie dessen politische Filme ist auch „Born Free“ völlig ironiefrei. Die Frage ist aber, ob man Gewalt so detailliert sehen muss, um zu verstehen, dass sie schlecht ist. Youtube blieb gar nichts anderes übrig, als das Video zu löschen.

Wenngleich man den Clip über andere Webseiten immer noch sehen kann, werten Kritiker den Schritt als „Botschaft, dass die Freiheit im Netz vorbei ist“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ meint. Zuletzt ließ die Filmfirma Constantin sämtliche Parodien auf „Der Untergang“ mit Bruno Ganz als Adolf Hitler sperren. Dabei fühlte sich Regisseur Oliver Hirschbiegel geehrt, dass immer neue Versionen auftauchten, in denen Hitler per Untertitel über Hanna Montana oder das iPad herzog. Und die Computerfirma Apple wird kritisiert, weil sie politische Satire und Erotik aus ihrem iTunes-Store entfernt.

Dort wird es auch das Video zu „Born Free“ nicht geben. Ian Hamrick, der im Film den hingerichteten Jungen spielt, verteidigt derweil den Clip: Er sei an diejenigen gerichtet, die „im richtigen Leben Völkermorde verüben“. In voller Länge hat Hamrick das Video allerdings noch nicht gesehen. Das ist auch besser so.

Das noch unbetitelte dritte Album von M.I.A. erscheint am 25. Juni bei XL Recordings.

Von Matthias Lohr

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