Ein Buch wie ein Faustschlag: Philipp Winklers Roman „Hool“ über Hooligans

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Mischt die literarische Szene auf: Philipp Winkler.

Kassel. Ein Buch wie ein Faustschlag: Philipp Winkler begibt sich mit „Hool“ in die Welt der Hooligans – und könnte dafür den Buchpreis bekommen.

Als Erstes setzt sich Heiko Kolbe den Zahnschutz ein. Ein Top-Ding, vom Zahntechniker individuell angefertigt. Den Zahnschutz wird Heiko gleich brauchen, denn hier, auf einem Waldweg nahe Olpe, sind die Hannoveraner mit den Kölnern zum Match verabredet. Das Match ist kein Fußballspiel, sondern ein Kampf. 15 Hannoveraner gegen die gleiche Anzahl Kölner. Schon prallen die Körper aufeinander, Heiko muss einen Schlag aufs Schlüsselbein einstecken, aber dann knickt sein Gegner nach einem Nierenschlag ein, und Heiko kloppt ihm einen Schwinger in die „Drecksfresse“. Diesmal haben die Kölner keine Chance. Hannover triumphiert, außer ein paar Schrammen haben die Männer nichts abbekommen.

Mit diesem Match beginnt Philipp Winklers Roman „Hool“, der sich in der Hannoveraner Hooliganszene abspielt, und unwillkürlich fragt man sich, ob der Autor das selbst erlebt hat, oder ob er „nur“ gute Freunde in der Szene hat. Der 30-Jährige, aufgewachsen in Hagenburg bei Hannover, hat es mit seinem Romandebüt auf Anhieb auf die Shortlist für den deutschen Buchpreis geschafft. Nach seinem Literaturstudium in Hildesheim lebt Winkler nun in Leipzig, und er ist in kurzer Zeit so etwas wie ein Experte für die Hooliganszene geworden – eine abgeschlossen Welt, von der man wenig weiß und die in der Literatur keine Rolle spielte, bis „Hool“ erschien.

Hooligans, sind das nicht Fußball-Rowdies, die sich in Stadien mit den Fans anderer Clubs kloppen? Tatsächlich ist für Heiko der Fußballverein Hannover 96 quasi der Mittelpunkt des Universums. Sein Vater gab ihm das fürs Leben mit: „96, ja, das ist was!“ Heiko und seine Blutsbrüder gehen aber kaum noch ins Stadion. Weil sie die Ultras und auch die „Nazis“ verachten, die in Wahrheit Weicheier sind, und weil die Polizei dort das Eigentliche verhindert, die Matches mit den abgrundtief gehassten Hools anderer Clubs – Todfeinde für die Hannoveraner sind die harten Jungs von Eintracht Braunschweig.

Winkler zieht die Leser von der ersten Seite an in seinen Bann. Mittels Sprache nimmt er einen mit in die Welt der Hools. Und wer deren Sprache spricht, ist in dieser Welt gefangen. So reduziert und vulgär diese Sprache erscheint, so genau und detailscharf ist sie gleichzeitig. Auch und gerade, wo es um Heikos Familie geht. Schon in seiner Elterngeneration ging nämlich gehörig viel schief, und die kleinbürgerliche Fassade wurde nur notdürftig gewahrt. In dieser Familie, die sein Vater noch während seiner Entziehungskur aufmischt, hängt der Ich-Erzähler nach wie vor fest.

Heikos trostloses Leben ist bestimmt von der Arbeit im Fitnessstudio seines Onkels und Mitkämpfers, wo trübe Geschäfte mit Dopingmitteln laufen. Und er wohnt auf dem Land bei einem Kumpel, der auf seinem Hof illegale Tierkämpfe veranstaltet. Klar, dass der einsame Kämpfer auch mit Beziehungen kein Glück hat.

Und dann kommt es zu Ereignissen, die die 96er-Gruppe aufbrechen. Einige kriegen die Kurve in ein bürgerliches Leben, ein anderer Kumpel erkennt in einer Verletzung den finalen Warnschuss.

„Hast du schon mal einen kleinen – nur einen winzigen – Gedanken daran verschwendet, wie das alles mal enden soll?“ – „Ist. Mir. Egal.“

Buchcover "Hool"

Heiko bleibt aber in seiner Wut gefangen. In Winklers Roman spielt das Flüchtlingsthema keine Rolle. Hier wird der existenzielle Frust in Matches ausagiert, doch man ahnt, er könnte auch andere Wege nehmen. Auf jeden Fall würde man von Philipp Winkler gern erfahren, wie es mit Heiko Kolbe weitergeht.

Philipp Winkler: Hool. Aufbau Verlag, 310 Seiten, 19.95 Euro. Wertung: fünf Sterne (von fünf)

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