Was macht die Serie so spannend?

Ein Buch zum Krimi: Der „Tatort“ und die Philosophie

Kassel. Am Sonntag endet die Ödnis eines Sommers ohne neuen „Tatort“. Um 20.15 Uhr wird sich die Nation für 90 Minuten vor dem Bildschirm versammeln, vielleicht mitfiebern, twittern oder auch einschlafen, aber sich am Montag in Büros und Kantinen eifrig über den Fall austauschen. Warum ist das so?

Was fasziniert an dieser am längsten laufenden deutschen TV-Krimireihe mit über 900 Folgen seit 1970 und bis zu zehn Millionen Zuschauern?

Das untersucht ein anspruchsvoller, anregender Sammelband, der den „Tatort“ mit Denkern des 20. Jahrhunderts und ihren Theorien kurzschließt und sich auch als Einführung in die Philosophie des 20. Jahrhunderts versteht.

Man merkt den 14 akademisch geschulten Autoren ihren Spaß an, nicht nur mit Kenntnissen der Philosophiegeschichte, sondern des „Tatorts“ zu glänzen. Der Untertitel: „Schlauer werden mit der beliebtesten Fernsehserie“. Woher kommt das Böse? Wie erleben wir Zeit? Wie entsteht Einfühlung? Ist der Mensch Produkt seiner Umwelt? Um solche Fragen geht es. Das Spektrum reicht von Edmund Husserl über Hannah Arendt und Marshall McLuhan bis zu Odo Marquard. Für viele Autoren ist der Frankfurter „Tatort“ mit Joachim Król der modernste. Für Cord Riechelmann, der über Gilles Deleuze schreibt, war Nina Kunzendorfs Gang in Hosen und Stiefeln im Kommissariat der „große, neue Moment des ,Tatorts‘ der Nullerjahre“.

Vieles ist amüsant zu lesen, wenn etwa Florian Werner in Klaus Doldingers „Tatort“-Melodie anhand von Nietzsches „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ den Widerstreit zwischen Vernunft und Trieb, „apollinischen“ und „dionysischen“ Kräften erkennt: Klarsicht und Maß versus Kontrollverlust, Rausch und Zügellosigkeit.

Am Ende triumphiert mit der Festnahme (fast) immer der Rechtsstaat über die Gewalt. Adorno, vermutet Adam Soboczynski, würde der „Tatort“ deshalb missfallen - als Beispiel der „Kulturindustrie“, die auf die Fügsamkeit des Individuums setzt. Die kollektive Beruhigung um 21.45 Uhr: Das Abweichende wird zur Strecke gebracht, Ordnung, Normierung siegen. „Der ,Tatort‘ ist der Baldrian der Demokratie.“

Dass aber selbst Kommissare (wie Faber in Dortmund) statt souverän und selbstbestimmt inzwischen zerrissene, beziehungsunfähige, selbstentfremdete Menschen mit brüchiger, ausfransender Identität sind (keiner führt ein „normales“ Familienleben!), zeigt Gert Scobel, der sich auf den Pragmatismus des US-Amerikaners William James bezieht. Den Ermittlern entgleitet ihr Ich. Auf der anderen Seite steht der „ausredelose Täter“, der in seiner Selbstwerdung, als Subjekt, so geschwächt ist, dass er sein Handeln nicht erklären kann.

Einen überzeugenden Aufsatz zum Zeit-Theoretiker Hartmut Rosa und zu Byung-Chul Han („Müdigkeitsgesellschaft“) steuern Ulrich Noller und Jürgen Wiebicke bei. Für sie sind die missgestimmten, unbehausten, erschöpften Kölner Max Ballauf und Freddy Schenk „Helden des Alltags“. Denn sie unterlaufen wenigstens ab und zu die Mechanismen des „Alles ist gleichzeitig, immer und überall“, sie entziehen sich der „Rhetorik des Müssens“.

Wenn die beiden an der Wurstbraterei am Rhein, dieser „Insel der Entschleunigung“ stehen, gönnt ihnen das Drehbuch eine kurze, symbolische „Resonanzerfahrung“ im Sinne Rosas. Ihnen, „Prototypen des gegenwärtigen Menschen“, geht es wie vielen Zuschauern, die ausgebrannt, immer auf Abruf, permanent im Einsatz sind. Kurz: „Wir sind ,Tatort‘“, wie Herausgeber Wolfram Eilenberger schreibt.

Ballauf und Schenk wissen auch bei Bier und Pommes, dass sie wie Sisyphos in einer Ermüdungsschleife gefangen sind. Der Fall ist gelöst, der Fels nach oben gerollt, da wird längst das nächste Verbrechen verübt: „Der Brocken liegt schon wieder unten.“

Wolfram Eilenberger (Hrsg.): Der „Tatort“ und die Philosophie. Tropen, 220 Seiten, 17,95 Euro, Wertung: vier Sterne

Von Mark-Christian von Busse

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