Buchkritik: Unfreiwillige Selbstparodie

Schnoddrig, sentimental und wie vom Rausch diktiert: Philippe Djian bleibt sich treu. Warum sollte Frankreichs Literatur-Beatnik Nr. 1 in seinem 16. Roman die Pferde wechseln? Der Erfolg gibt ihm seit 1985 und „Betty Blue“ recht.

Wieder lässt er eines seiner Alter Egos losquasseln, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Wieder geht es drunter und drüber, ist vieles kaputt: Autos, Herzen, Knochen, Beziehungen und der Typ als Ganzes. Das übliche Gemetzel da und dort … Doch ist Djians Text nie so zur unfreiwilligen Selbstparodie verrutscht.      

Philippe Djian. Die Rastlosen. Diogenes, 220 S.,19,90 Euro.

Wertung: Ein von vier Sternen

Marc ist 53 und arbeitet als Professor für kreatives Schreiben, von Entlassung bedroht. Aber er braucht das Geld - und mehr noch Studentinnen fürs Bett. Eingangs rast er in einem typischen Djian-Beginn mit drei Flaschen starken Rotweins intus im Auto, auf dem Beifahrersitz räkelt sich die so beschickerte wie bereite Barbara, die nicht nur fürs kreative Schreiben Talente hat. Natürlich liegt sie am anderen Morgen in seinem Bett, allerdings tot, was nicht eingeplant war. Er entsorgt sie in einer Felsspalte. Später taucht ihre Stiefmutter auf, die mindestens so gut aussieht wie Sharon Stone. Irgendwann wird Marc zusammengeschlagen, Inzest und frühkindliche Traumata gibt es auch noch, einen toten Polizisten sowie einen Inspektor, der nicht nur Pfeife raucht, sondern auch eine ist.      

Die Story ist nicht aberwitzig, sondern hanebüchen. Immerhin hat sie finale Wendungen der unerwarteten Art. Doch Djian unterbietet sich selbst mit einer Rasanz, wie nur er sie hinkriegt. Immerhin beweist der Textguerillero, dass er sein diesbezügliches Talent noch steigern konnte.

Von Ulrich Steinmetzger

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