"Es ist wahnsinnig bequem"

Vor der Buchmesse: Verleger Thedel von Wallmoden über Amazon und E-Books

Der Verleger des Wallstein Verlag, Thedel von Wallmoden. Foto: dpa

Über die Bedeutung der Buchmesse und Reizthemen der Branche gibt der Göttinger Verleger Thedel von Wallmoden  Auskunft. Der Wallstein Verlag erhielt 2013 den Kurt-Wolff-Preis für besondere verlegerische Leistungen. Größter Erfolg: Ruth Klügers Erinnerungen „Weiter leben“.

Wie viel Stunden Schlaf werden Sie nächste Woche bekommen? 

Thedel von Wallmoden: So fünf bis sechs, mein normales Pensum. Da unterscheidet sich Frankfurt nicht so wahnsinnig von Göttingen.

Wie strapaziös sind die Tage der Buchmesse für Sie? 

von Wallmoden: Ich empfinde das nicht als besonders anstrengend. Das ist eher Hochstimmung, die Euphorie, dass alle sich einmal im Jahr treffen, um sich über Erfahrungen und Lektüreeindrücke zu verständigen, zu überlegen, was man zusammen machen kann, sich über Branchenreaktionen auszutauschen. Anstrengend ist, in den Messehallen viele Termine in sehr kurzen Abständen zu haben.

Auftakt der Buchmesse ist die Verleihung des Deutschen Buchpreises. Ist diese Auszeichnung ein Gewinn für die Verlagsbranche? 

von Wallmoden: Ich glaube, dass unterm Strich alles, was Aufmerksamkeit auf das Buch, das literarische Geschehen lenkt, ein Gewinn ist. Die Produktion jeden Jahres ist so groß, dass sich der Buchhandel kaum orientieren kann. Insofern gibt diese Auswahl der Longlist und Shortlist einen Anhaltspunkt. Aus den 160 Titeln, die die Verlage eingesendet haben - jeder Verlag darf zwei Romane vorschlagen -, würden andere Kritikerjurys ganz andere plausible Listen mit geringen Überschneidungen zusammenstellen. Die Diskussion, welches Buch fehlt, ist Unsinn. Natürlich fehlen immer wichtige Bücher. Ich könnte auch ein paar nennen. Aber das ist nicht das richtige Kriterium. Es gibt diesmal auf der 20er-Liste keine unwürdigen Bücher.

Kritik gibt es auch am Verfahren. Die Autoren sitzen vor der Verleihung in den Startlöchern wie 100-Meter-Läufer. 

von Wallmoden: Da knien sie im Startblock. Das ist hier doch ganz anders. Es gibt einen Empfang, eine Party, da wird der Sieger mit großer Fanfare aus dem Hut gezaubert wie ein Kaninchen. Das ist gar nicht kompetitiv, so wie etwa beim Ingeborg-Bachmann-Preis. Da spielt es eine große Rolle, wie sich der Autor lesend mit seinem Text präsentiert.

Wie bedrohlich ist Amazon? Verstehen Sie den Protest von über 1000 Autoren gegen die Methoden? 

von Wallmoden: Das ist eine hochkomplexe Angelegenheit. Ich würde zunächst ganz kühl sagen: Ein Erfolg eines Händlers im Markt kommt nur dann zustande, wenn andere Akteure bestimmte Leistungen nicht erbringen. Es ist wahnsinnig bequem, bei Amazon zu bestellen. Diese Bequemlichkeit müsste man gewichten gegen die persönliche Beratung im Buchhandel. Das Vertrauen in diese Beratung ist etwas anderes als der Amazon-Logarithmus, dessen Ergebnisse teilweise grotesk und lächerlich sind. In dem Maß, in dem der Buchhandel Beratung, Service, Convenience oder das Einkaufserlebnis nicht mehr bieten kann oder will, hat Amazon Erfolg gehabt. Es wird künftig Kunden für beide Vertriebswege geben.

Amazon könnte zum Monopolisten werden ... 

von Wallmoden: In einer Branche wird es grundsätzlich schwierig, wenn einzelne Akteure eine bedeutendere Marktmacht haben. Ein Verlag kann über Konditionen mit Amazon oder den großen Buchhandelsketten schwerer verhandeln als mit einem einzelnen Buchhändler, mit dem er sich auf Augenhöhe befindet. Wenn Sie Fruchtsäfte oder Konserven produzieren, freuen Sie sich, wenn Sie bei Aldi gelistet werden. Aber die Verhandlungen sind nicht einfach. Die Tendenz der Großen mit ihrer Einkaufsmacht ist, ihre Macht in Form von Konditionen durchzusetzen. Was noch gar nicht diskutiert wird: Amazon stellt, wie die großen Buchhandelsketten, Forderungen, die nicht konform sind mit dem Preisbindungsgesetz. Da steht ganz klar, dass kein Verkäufer an einen Endkunden einen höheren Rabatt bekommen darf als das Barsortiment, also der Zwischenbuchhändler. Wenn wir bestimmte Konditionen mit dem Zwischenhandel haben, dürfen wir das nicht unterbieten. Danach zu fragen, ist rechtswidrig. Preisbindung finden wir aber alle enorm wichtig. Aber wir werden immer wieder mit dem Versuch eines Verstoßes konfrontiert. Das können wir nicht gut finden.

Und die Autoren? 

von Wallmoden: Die Autoren wiederum finden nicht gut, dass Amazon, um Druck auszuüben, die Produkte bestimmter Verlage weniger schnell ausliefert. Da möchte ich aber die gleichen Autoren fragen, wie sie dazu stehen, dass Amazon ihnen bei E-Books deutlich höhere Tantiemen anbietet als die anderen Verlage. Amazon sagt: Wir sind eine der größten E-Book-Plattformen und wir wollen uns da auch als Verlag profilieren. Ich bin mal gespannt, ob die Autoren sagen, wir wollen lieber bei den Verlagen bleiben, die uns in der ganzen Breite der Produktion begleiten.

Amazon organisiert bisher keine Lesungen. 

von Wallmoden: Und auch kein Lektorat. Und Amazon macht auch keine Pressearbeit. Ich habe noch nicht erlebt, dass von Amazon verbreitete E-Books in den literarischen Betrieb eingespeist worden sind. Das geschieht ja nicht von selbst.

Die euphorischen E-Book-Prognosen haben sich kaum bewahrheitet - E-Books haben sich nicht durchgesetzt. Der Umsatzanteil liegt erst bei 3,9 Prozent. Glauben Sie, dass der große Durchbruch noch kommen wird? 

von Wallmoden: Ich sehe im ICE wahnsinnig viele Leute mit Tablets, die Filme gucken, spielen, lesen. Mein Eindruck aus unserer Geschäftspraxis ist, dass wir besonders viele E-Books verkaufen, bei denen wir auch hohe Druckauflagen haben. Je höher spezialisiert die Dinge sind, umso weniger passiert im E-Book. Ich könnte mir vorstellen, dass eine Lektüre zum Schmökern, massenkompatible Unterhaltung, sehr stark ins E-Book wandert. In den USA, wo solche Bücher früher an den Kassen lagen, gibt es die gar nicht mehr im Print. So könnte es auch in Deutschland werden. Ich glaube, der Anteil wird auf 12 bis 15 Prozent steigen.

Ihre Kollegen von Hanser gründen einen reinen Digitalverlag - ist das ein sinnvoller Weg? 

von Wallmoden: Ich bin da selbst ganz gespannt. Ich kann mir vorstellen, dass man dann ein inhaltlich ganz anders definiertes Programmsegment vielleicht mit anderen Erzählformen macht, was man sonst im Print noch gar nicht hatte. Einen hochkomplexen 400-Seiten-Roman von Reinhard Jirgl wird man weiter als gedrucktes Buch lesen wollen. Vielleicht ist das auch ein tastendes Versuchen in diesem Medium: Wer will was? Wir machen Angebote und schauen, was funktioniert. Wir sagen: Wir finden dieses Buch, diesen Autor, diese Schreib- und Erzählweise gut und tun alles dafür, das durchzusetzen. Aber dass man etwas, wovon noch niemand eine Ahnung hat, initial auf elektronischem Weg durchsetzen könnte, dafür scheint mir die Zeit noch gar nicht reif.

Sie veröffentlichen viele wissenschaftliche Texte und Editionen älterer Literatur, oft in Kooperation mit namhaften Institutionen, haben aber auch ein anspruchsvolles zeitgenössisches belletristisches Programm. Wie findet ein außerordentliches Manuskript den Weg zu Ihnen? 

von Wallmoden: Wenn wir von der Belletristik reden, dann hat Thorsten Ahrend, der das Literaturprogramm verantwortet, sehr viele Kontakte im literarischen Feld: Wettbewerbe, Zeitschriften - wir selbst haben eine sehr traditionsreiche, angesehene Zeitschrift, die „horen“, als Probebühne für Autoren übernommen. Und dann gibt es unendlich viele Einsendungen von unverlangten Manuskripten. Da wird weniger als ein Prozent tatsächlich zu Büchern.

Da sind „books on demand“ - Bücher werden nur bei Bestellung gedruckt - und das digitale „self publishing“ keine Konkurrenz? 

von Wallmoden: Das sind ganz legitime und vernünftige Möglichkeiten. Da werden Texte ihre bestimmten Leser finden. Die Verlage werden künftig auf diese Foren genauer gucken. Es ist aber auch die Frage, ob Verlage eine bestimmte Literatur durchsetzen wollen oder nur darauf reagieren, was der Markt will. Das soll nicht besserwisserisch-schulmeisterlich klingen, aber wir verstehen diesen Verlag so, dass wir aus einer bestimmten Leseerfahrung und einem bestimmten Überblick Bücher empfehlen können. Für die setzen wir uns ein.

Der Stapel mit allen Neuerscheinungen in Deutschland wäre 2500 Meter hoch. Wie kann man da auf sich aufmerksam machen? 

von Wallmoden: Durch drei Dinge: Qualität, Qualität und Qualität. Durch kontinuierliche Programmarbeit, etwa zur Zeitgeschichte. Ich kann nicht heute eine große Sportlerbiografie machen, danach etwas Hochliterarisches und dann ein Blumenbuch. Verlage als Marken müssen ihre Kompetenz kontinuierlich nachweisen, dann baut sich ein symbolisches Kapital auf. Insgesamt finde ich verhängnisvoll, dass wir alle Teil einer riesigen Überproduktion sind. Kein Buchhändler kann bei 100.000 Neuerscheinungen den Überblick behalten.

Wie groß ist der Überraschungseffekt? 

von Wallmoden: Ich mache das seit 30 Jahren, und es gibt immer wieder totale Überraschungen. Bücher, bei denen ich fest damit gerechnet habe, dass sie große Erfolge werden, werden nicht so große Erfolge, und andere Bücher unterschätze ich. Die Memoiren der Kurfürstin Sophie von Hannover, die vor 300 Jahren gestorben ist, unglaublich witzig und geistreich, sind so ein überraschender Erfolg. Das bleibt rätselhaft, welche Mechanismen da wirken.

Worauf freuen Sie sich bei der Buchmesse am meisten? 

von Wallmoden: Kollegen, Kritiker zu sehen, die man nur zweimal im Jahr sieht, in Leipzig und Frankfurt, und auf der Messe herumzustromern und bei Verlagen, die ich schätze, zu stöbern.

Und was finden Sie entsetzlich? 

von Wallmoden: Die Luft in den Hallen, das Gedränge und Geschiebe. Aber so sind halt Messen. Das ist bei Computer- und Automessen sicher nicht anders.

Zur Person

Thedel von Wallmoden (56), in Hannover geboren, in Altwallmoden bei Goslar aufgewachsen, studierte in Göttingen und Tübingen Deutsche Literaturgeschichte und Philosophie. 1986 gründete er mit zwei Schulfreunden in Göttingen den Wallstein Verlag, der heute 22 feste Mitarbeiter hat und 150 Titel im Jahr herausbringt. Der Honorarprofessor in Heidelberg ist Vorstandsmitglied des Literarischen Zentrums Göttingen. Er ist mit einer Kinder- und Jugendpsychoanalytikerin verheiratet und hat drei Kinder. 

Von Mark-Christian von Busse

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