Buchneuheit: Wie Kassel in der Literatur wegkommt

Kassel. Wer Kassel liebt, muss jetzt tapfer sein. Denn so viel die Stadt an der Fulda ihren Einwohnern und Besuchern auch zu bieten hat, in der Literatur ist das Echo durchaus zweispältig.

Das bestätigt auch der neue Band „Das poetische Kassel“, der jetzt im Siebenhaar-Verlag erschienen ist und kurze literarische Zeugnisse aus fünf Jahrhunderten vereint.

Jürgen Röhling, der Herausgeber, ist Germanist, in Kassel geboren und lehrt seit 2006 in Albanien an der Universität Tirana. Er schreibt: „Dies ist ein Buch für Liebhaber, Freunde, Bewunderer der Fulda-Stadt.“ Aber auch „für Kassel-Geschädigte, Verächter, Ignoranten und Besserwisser“.

Vor allem ist dieser Band, der mehr als 150 kurze literarische Zeugnisse über die Stadt und ihre Bewohner enthält, eine Fundgrube für alle, die sich im Jahr des Stadtjubiläums intensiver mit Kassel beschäftigen wollen.

Zwei kurze Ausschnitte auf gegenüberliegenden Seiten können die Bandbreite der Einschätzungen Kassels verdeutlichen. In einem Brief Gustav Mahlers heißt es: „Ich lebe wie ein Hottentotte. Ich kann kein vernünftiges Wort mit jemandem sprechen. Die Kasselaner sind so fürchterliche Haubenstöcke, dass ich eine Unterhaltung mit einem Wiener Fiaker vorziehe.“

Auf der folgenden Seite findet sich dagegen ein Text von Goethe, der folgendermaßen beginnt: „Wie düster aber auch in der letzten und schwärzesten aller Nächte meine Gedanken mochten gewesen sein, so wurden sie auf einmal wieder aufgehellt, als ich in das mit hundert und aber hundert Lampen erleuchtete Kassel hineinfuhr. Bei diesem Anblick entwickelten sich vor meiner Seele alle Vorteile eines bürgerlich-städtischen Zusammenseins, die Wohlhäbigkeit eines jeden einzelnen in seiner von innen erleuchteten Wohnung und die behaglichen Anstalten zur Aufnahme der Fremden.“

Aber auch jede Menge Witziges findet sich in der Sammlung von Dichtern wie etwa Ringelnatz, von dem zwei Zeilen zitiert werden sollen: „Ich brauchte mindestens zwei Flöhe / Für einen Reim auf Wilhelmshöhe.“

Ja, auch das Kasseler „Werdchen“ wird zitiert, und mancher Autor, wie Matthias Altenburg, wird gar vor Rührung übermannt, wenn er „Fullewasser, Fullewasser, hoihoihoi“ hört. In die Kategorie Liebeserklärung gehört auch der aus der HNA entnommene „Brief an meine Stadt“

von Chefredakteur Horst Seidenfaden.

Jürgen Röhling (Hrsg.): Das poetische Kassel, B & S Siebenhaar Verlag, 271 S., 24,80 Euro.

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