Bücher als Geiseln: Autoren kritisieren Amazon

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Burkhard Spinnen

Deutsche Autoren protestieren - wie 900 Kollegen aus den USA - gegen Methoden des Online-Versandhändlers Amazon. Ihr offener Brief ist heute veröffentlicht worden. Wir beantworten wichtige Fragen.

? Wer protestiert - und wogegen? 

Die 500 Schriftsteller, darunter etwa F.C. Delius und Uwe Timm, wehren sich gegen die aggressive Preispolitik von Amazon. Im Kampf um Absatzmärkte, Rabatte, Provisionen oder E-Book-Preise würden Empfehlungslisten manipuliert und die Auslieferung von Titeln blockiert oder verzögert. Bücher würden zu Geiseln, falls sich Verlage gegen Amazon zur Wehr setzen.

Die Befürchtungen gehen weiter: Schriftsteller Burkhard Spinnen glaubt, dass sich die Machtverhältnisse schleichend, aber dramatisch verschieben, bis sich aufgrund des ökonomischen Drucks die Inhalte ändern. Horrorvorstellung der Branche ist, dass Amazon nicht nur eine Monopolstellung erringt, sondern gleichzeitig Bücher publiziert und verkauft, Verlage und Buchhandlungen überflüssig macht. „Amazon ist ein globaler Spieler, kein nationales Kartellamt wird ihm reinreden können“, fürchtete Spinnen im Deutschlandfunk. Autor John von Düffel nennt Amazon schlicht „Monster“.

? Ist der Protest der Autoren berechtigt? 

Ja, wenn man in die USA schaut. Dort lässt Amazon die Muskeln spielen, setzt seine beherrschende Marktposition mit Drohgebärden als Druckmittel in Verhandlungen mit der Medienindustrie - etwa den Konzernen Disney und Time Warner oder dem Verlag Hachette - ein.

? Was sagt der deutsche Buchhandels-Dachverband? 

Der Börsenverein hat im Juni Beschwerde beim Bundeskartellamt eingereicht. Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis sagt: „Amazon lässt seine Maske fallen, dahinter kommt das Gesicht eines Erpressers zum Vorschein.“ Amazon wolle am Ende gleichzeitig Lektor, Verleger und Lieferant sein. Die Folge: Preisdiktate, Honorarkürzungen, ein Verlust von Vielfalt und Qualität, ja eine „Verarmung der Gesellschaft“. Auch die Plattform „Marketplace“, bei der fast neue Bücher von allen möglichen Anbietern zum Bruchteil des Ursprungs-preises verkauft werden, ist ein Dorn im Auge. Sie verwässert die Buchpreisbindung.

? Und wie reagiert Amazon auf die Attacken? 

Grundsätzlich meint der Konzern, Literatur müsse im Wettbewerb mit anderen Medien günstiger werden. Den Protestbrief, der ja noch gar nicht vorliege, wollte man zunächst nicht kommentieren. „Die Kunden entscheiden, wo sie kaufen, nicht wir“, sagte Amazon-Chef Jeff Bezos vor zwei Jahren. Das ist auch die Hoffnung der Autoren: „Die Menschen denken über ihre Kaufentscheidungen nach“, glaubt Skipis. Die Konsumenten sollten merken, dass fast jede Buchhandlung nicht nur persönlich berät und vieles vorrätig, sondern meistens einen eigenen Online-Shop hat.

Von Mark-Christian von Busse

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