Der Kabarettist Jochen Malmsheimer eröffnete mit seinem Programm den Vellmarer Sommer im Park

Bücher zum Sprechen bringen

Auftakt beim Sommer im Park: Kabarettist Jochen Malmsheimer bei seinem Vellmarer Gastspiel. Foto: Fischer

Vellmar. Der Mann ist eine Wucht – und das beileibe nicht nur in körperlicher Hinsicht. Keinen Besseren hätten sich die Verantwortlichen wünschen können, um am Dienstag das Festival Sommer im Park im ausverkauften Zelt in Vellmar zu eröffnen. Wer die verrückten Rollenspiele von Otto, den feinsinnigen Humor von Loriot und die Wortspiele des Schelms Heinz Erhardt mag, der wird auch seine Freude an dem in Essen geborenen und in Bochum aufgewachsenen Dampfhammer-Kabarettisten Malmsheimer haben.

Was nicht bedeuten soll, dass er den Stil dieser Großmeister kopiert. Er bedient sich zwar einiger ihrer Inszenierungsnuancen, gibt aber so viel Eigenblut und explosives Temperament hinzu, dass man ihn durchaus als Unikum wahrnimmt. Das Publikum war begeistert von dem gelernten Buchhändler, der einst sein Germanistikstudium abbrach und bis zum Jahr 2000 die eine Hälfte des Kabaretts Tresenlesen war.

Neben seinem Hagel an Wortschöpfungen, seinen intellektuell köstlich versponnenen Kommentaren und Texten zu Themen wie artgerechte Tier- und Kinderhaltung, Erkenntnisse im Zoo und Senioren in diskriminierendem Beige, sind es vor allem seine explosive Stimme und seine so fantasievoll und urkomisch gestrickten Geschichten, die er mit verstellter Stimme wie Hörspiele inszeniert, die die Lachmuskeln des Publikums in Dauerwallung bringen.

Da gibt er den Mann, der im Bad vor dem Spiegel steht und entsetzt die ersten grauen Haare entdeckt. Malmsheimer artikuliert und dramatisiert das, als wäre es ein Thriller aus der Feder von Goethe oder Shakespeare.

Ebenso fantasievoll wie umwerfend komisch lässt er auch die Bücher, die bei ihm zu Hause im Regal stehen, miteinander sprechen, streiten, sich unterdrückt oder überlegen fühlen – alle jedoch geeint in der Angst vor „papierlosen Büros“.

Was das mit seinem Programmtitel „Flieg Fisch, lies und gesunde“ zu tun hat, verrät der 53-jährige abschließend und senkt dabei die Stimme, als gäbe er gerade ein großes Geheimnis preis: „Es ist eine Parole, Bücher zum Sprechen zu bringen. Versuchen Sie es mal!“ Riesenapplaus, zwei Zugaben.

Von Steve Kuberczyk-Stein

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