Das Theaterensemble der Engelsburg glänzte mit Camus’ düsterem Stück „Der Belagerungszustand“

In der Bürokratie der Vernichtung

Kassel. Schwebende Mollakkorde an Gitarre und Klavier, die bedrohlich lauter werden. Düsteres Dämmerlicht, eine Galgenschlinge. Rote Sterne markieren Häuser, in denen die Pest Einzug gehalten hat. Resignierte Menschen finden sich zu monotonen Sprechchören zusammen, durchbrochen durch hysterische Ausbrüche der Angst.

Endzeitstimmung herrschte auf der Bühne im Theatersaal der Engelsburg, wo das beeindruckende Schülerensemble vor vollem Haus Albert Camus’ tiefsinniges Stück „Der Belagerungszustand“ aufführte. Das Werk, unter dem Eindruck der Schreckensherrschaft der deutschen Wehrmacht entstanden, ist ein Plädoyer für Solidarität und Menschlichkeit. Fiktiver Schauplatz ist das spanische Cádiz, in dem „die Pest“ in Gestalt eines uniformierten Herrn die Macht an sich reißt und willkürlich mordet.

David Brehm glänzte in jener Rolle des kühl-überheblichen Tyrannen, der in Begleitung seiner eleganten Sekretärin (Vivian Bonzel) in sachlichem Bürokratenjargon eine totalitäre Weltordnung beschwor, in der man Existenzbescheinigungen benötigt und in der nach peniblem Ordnungsmuster gestorben wird: Es genügte das Durchstreichen eines Namens, und der Betreffende fiel zu Boden.

Zwischen den Fronten des Schreckens schlenderte Jan Rennicke als nihilistischer Säufer „Nada“, der jeglichen Glauben an die Menschheit verloren hat und dem Herrscher zu Diensten steht. Für seine scharfen, zynischen Monologe bekam er tosenden Applaus.

Ein Lichtblick: Die entwaffnend menschliche Art des Schiffers (Christian Lucas), der mit Pudelmütze und Gummistiefeln auf Plattdeutsch schwadronierte und heiteren Beifall erntete. Letztlich ist es die Liebe zwischen Diego (Jonathan Anders) und Victoria (Anna Backhausen), die die Stadt rettet. Ihr Mut, die grausame Absurdität der Verhältnisse zu demonstrieren, zwingt die Machthaber zum Rückzug. Diego bezahlt mit dem Leben. „Die Pest“ scheint zu triumphieren. Sarkastisch rezitiert Brehm, während der Vorhang fällt, das Camus-Zitat „Grausamkeit empört, aber Dummheit entmutigt.“

Wieder am: 8., 12.6., 19.30 Uhr.

Von Carolina Rehrmann

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