Buhrufe für Castorfs „Siegfried“-Inszenierung in Bayreuth

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Begegnung am Mülleimer: Lance Ryan als Titelheld Siegfried und Mirella Hagen als Waldvogel, der hier ein Varietégirl ist. Foto: Nawrath/nh

Bayreuth. Als Siegfried aufbricht, um die Welt zu erkunden, landet er unter einem Laternenpfahl am Berliner Alexanderplatz. Wir befinden uns in jener Zeit, als die DDR schon fast am Ende ist. Seine Träumereien, das „Waldweben“ aus Richard Wagners Oper „Siegfried“, werden hier mit einer Betonwüste bebildert, in der Siegfried als Außenseiter landet.

Der mythische Waldvogel, der ihn so fasziniert, ist eine Varietétänzerin, vielleicht aus dem Friedrichstadtpalast. Nun schnitzt sich Siegfried nicht, wie im Original vorgesehen, eine Flöte, um mit dem Waldvogel (mit leuchtendem Sopran: Mirella Hagen) zu kommunizieren. Er fischt vielmehr im Mülleimer nach Flaschen, auf denen er ihre Melodie blasen kann. Und im Bayreuther Festspielhaus wächst die Unruhe.

Mittwochabend gab es bei der Premiere von „Siegfried“ heftige Buhstürme für Frank Castorfs Inszenierung. Die Sänger und der fein modellierende Dirigent Kirill Petrenko wurden aber euphorisch gefeiert. Allen voran Sopran Catherine Foster als phänomenale Brünnhilde, die strahlend und mit enormer Leichtigkeit sowohl zärtlich als auch triumphal-jubelnd sein kann. Den hell timbrierten Tenor Lance Ryan, der als prolliger Siegfried mit Goldkettchen anfangs mit seinem „Schmiedelied“ begeistert, verließen zum Ende hin ein klein wenig die Sangeskräfte in der Liebesbegegnung mit Brünnhilde.

Der vielseitige Tenor Burkhard Ulrich ist ein spielfreudiger Mime, der keine Scheu vor karikaturhafter Überzeichnung hat. Sorin Coliban ist als Fafner abgründig bass-dunkel. Der Hüter des Nibelungenschatzes lagert die Reichtümer im DDR-„Exquisit“-Laden.

An dieser Stelle fügen sich die beiden Hälften des grandiosen Drehbühnen-Bildes von Aleksandar Denic bestens zusammen: Der Luxusladen für die sozialistische Elite ist ebenfalls zugänglich von der anderen Bühnenseite, einer riesigen Felsenwand, wo nach Art des Mount Rushmore die Heroen des Sozialismus Marx, Lenin, Stalin und Mao ausmodelliert sind. Hier lebt Schmied Mime im Wohnwagen, hier wächst Siegfried auf.

Hehrer sozialistischer Anspruch und real existierende Bevölkerungsveräppelung sind zwei Seiten derselben Medaille – Castorf spinnt sein Thema der Selbstdestruktion der politischen Klasse durch ihren Machtanspruch vielfältig weiter. Durchdacht fächert er sein Assoziationsspektrum auf - bis zur Tankstellenverschacherung in der Leuna-Affäre, an die ein „Minol“-Logo erinnert: Hier ist auch sein Erdöl-Motiv wieder präsent.

Auch auf der konkreten Handlungsebene dieses „Ring des Nibelungen“-Teils spiegeln sich Castorfs Hintergrundthemen: Das Gesicht Wotans, des scheiternden Götterherrschers (wieder wundervoll: Wolfgang Koch), dem Siegfried den Speer zerbricht, wird überlebensgroß auf die Mount-Rushmore-Wand der Ex-Helden projiziert.

Dazu gibt es erneut etwas alberne Gags – Wotan und Erda spaghettiessend und beim Oralsex unter der Weltzeituhr, Siegfried und Brünnhilde desillusioniert an einer Imbissbude. Und Krokodile: Die urigen Viecher, die im vergangenen Jahr am umstrittensten waren, haben heuer auch noch Nachwuchs bekommen: Über den Alex wackelt ein Baby-Kroko.

Von Bettina Fraschke

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