Mit der "Götterdämmerung"

Buhs und Jubel zum Abschluss des Bayreuther „Rings“

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Blutsbrüderschaft neben dem Dönerspieß: Lance Ryan als Siegfried (von links), Alejandro Marco-Buhrmester als Gunther und Attila Jun als Hagen.

Bayreuth. Trillerpfeifen wurden diesmal nicht gezückt. Der Buhsturm gegen Regisseur Frank Castorf zum Abschluss seines „Ring des Nibelungen“-Zyklus in Bayreuth war am Freitagabend zwar heftig, es gab aber keinen Eklat wie im vergangenen Jahr.

Im Gegenteil: Über 20 Minuten lang wurde nach dem zarten Verklingen der Musik parallel zu den Empörungsäußerungen ebenso heftig applaudiert, getrampelt, Bravo gerufen.

Castorf und sein Regieteam schienen die Missfallensbekundungen herauskitzeln zu wollen, indem sie sich (fast länger als das Darstellerensemble) vor dem Vorhang aufhielten, Castorf gestikulierte ins Parkett, animierte bei angeschaltetem Saallicht regelrecht zu Reaktionen.

Seine Lesart des Richard Wagner’schen Opernvierteilers als Studie brüchig werdender Zukunftsversprechen in Ost und West ist hier weniger stringent und mehr assoziativ ausgeformt als in den anderen drei Teilen - aber erzählerisch nicht weniger eindringlich.

Wir sind auf der Rückseite Berlins. Gleißt vorn die DDR-Werbung „Plaste und Elaste aus Schkopau“ an der Fassade - die petrochemische Industrie als Geldbringer des Ostens: hier ist der Bezug zum Rohstoff-/Erdölthema - erinnert ein Drehbühnensegment weiter die Christo-Plane an den Hype um den verhüllten Reichstag.

Unter diesen Edelfassaden hausen die Penner im Müll, hat sich in einem Hauseingang ein Altar etabliert. Obskure Kulte wuchern da, wo die alten Ideologien zerstieben (Bühne: Aleksandar Denic). Bis schließlich die riesige Folie herabgerissen wird und darunter nicht das Parlament, sondern die New Yorker Börse sichtbar wird - die Politik regiert hier nicht mehr.

Während Brünnhilde (Catherine Foster) auf dem Campingstuhl auf ihren Helden wartet, trifft Siegfried (Lance Ryan, darstellerisch stark, stimmlich musste er immer wieder kämpfen) auf die Gibichungen Gunther (Alejandro Marco-Buhrmester, der die Figur als drucksigen Psychotiker anlegt) und Gutrune (toll überdreht: Allison Oakes), die hier Hinterhof-Größen an einer Dönerbude sind. Mit viel Büchsenbier und Ghetto-Chef Hagen (sängerisch und in der Bühnenpräsenz stark: Attila Jun) verwickeln sie Siegfried in eine Intrige, um an Brünnhilde und den machtvollen Ring zu kommen. Bis am Ende Hagen per Videoeinspielung in einem Schlauchboot einsam aufs Wasser hinaustreibt.

Kirill Petrenko legt die musikalische Gestaltung hier sehr suggestiv an, die großen Emotionen (etwa im „Trauerzug“) überwiegen gegenüber dem analytischen Zugriff, der an den vorherigen Abenden oft zu erleben war.

Und Catherine Foster: Es ist einfach beglückend, sie als Brünnhilde zu erleben - darstellerisch wie sängerisch. Ihr strömend reiner Sopran leuchtet („Starke Scheite schichtet mir dort“). Voller Klarheit, Wärme und Weisheit wandelt diese Frau einsam in der intriganten, geldgeilen Lügenwelt, bis sie den Ring am Ende in die brennende Öltonne wirft, um ihn zu vernichten.

Von Bettina Fraschke

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