Katalog ist zum Magazin geworden

Aus Bullerbü wird Multikulti: Eine Kritik des neuen Ikea-Katalogs

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So sieht im Ikea-Katalog die moderne Familie aus: Papa ist nicht immer da, und gegessen werden darf überall.

Wohnst du noch oder liest du schon? Für manche ist der Ikea-Katalog das wichtigste Buch. Die neue Ausgabe des schwedischen Möbelkonzerns ist sogar eine kleine Revolution.

Der neue Ikea-Katalog ist ein philosophisches Wunder. Das schwedische Möbelhaus hat ihn unter das Motto gestellt: „Entworfen für dich, nicht für irgendwen.“ Das ist eine lustige Pointe, wenn man bedenkt, dass weltweit 211 Millionen Exemplare verteilt werden. Ich, der laut Ikea ja nicht irgendwer ist, fragt sich da: „Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?“

Der Satz stammt vom Philosophen Richard David Precht, der mindestens so gut aussieht wie eine Ikea-Küche, womit wir mitten im Thema wären. Ikea hat nicht nur das Essen als Trend entdeckt, sondern auch den Menschen. 65 Jahre nach dem ersten Ikea-Katalog sind in der neuen 332 Seiten dicken Auflage so viele Menschen zu sehen wie schon lang nicht mehr. Auf 83 Doppelseiten sitzen sie meist in Gruppen in der Küche oder im Wohnzimmer. Im Vorjahr hatte sich lediglich auf 44 Doppelseiten ein Mensch verirrt - meist allein.

Der zweite Teil der Frage von Precht wäre damit beantwortet: Ich oder wir sind sehr viele. Und auch auf den ersten Teil der Frage liefert Ikea eine Antwort. Früher tauchten im Katalog lediglich Firmenmitarbeiter aus Südschweden auf. 2017 ist aus dem Möbel-Bullerbü eine multikulturelle Gesellschaft geworden.

Schon auf dem Cover sitzt ein Mann mit dunkler Haut, schwarzen Haaren und langem Bart am Esstisch. Er könnte ein Hipster aus Berlin, ein islamistischer Terrorist oder nur ein freundlicher Mann von nebenan sein. So ähnlich sieht das überall aus - vom Bade- bis zum Schlafzimmer. Auch die klassische Vater-Mutter-Kind-Familie ist verschwunden. Ikea, das schon vor 16 Jahren mit einem schwulen Paar warb, spiegelt damit die Vielfalt der gesellschaftlichen Lebensformen wider.

Zur Lieblingslektüre von AfD-Chefin Frauke Petry wird der Ikea-Katalog eher nicht. Aber auch so ist er für einige das meistverbreitete Buch der Welt. Oder anders gesagt: Er ist das Zentralorgan der globalisierten Gesellschaft mit einem Einheitsgeschmack. Selbst in Saudi-Arabien müssen die Frauen von den Fotos nicht mehr entfernt werden, wie es zuletzt noch der Fall war.

Aus dem Katalog ist nun ein Magazin geworden. Neben den Produkten gibt es praktische Ratschläge. Man könne ruhig auf dem Fußboden essen, heißt es einmal: „Schließlich ist es nicht so wichtig, wo wir essen - sondern dass wir es gemeinsam tun.“ Zudem enthält das Heft 13 Reportagen, in denen etwa die (Achtung, so nennt es Ikea wirklich) Philosophie eines New Yorker WG-Kochs vorgestellt wird.

Alles sieht sehr heimelig aus, was Werbefuzzis als „Trend zum Cocooning“ verkaufen, also dem Rückzug ins häusliche Privatleben. Dort muss nicht alles perfekt sein. In der lockeren Atmosphäre, die Ikea propagiert, „darf auch ruhig mal was danebengehen“.

Das klingt beruhigend angesichts all der Perfektion, mit der unsere Freunde ihr Leben auf Instagram inszenieren. Das Problem bei all dem ist nur, dass samstags bei Ikea eben gar nichts locker ist, sondern eher die Hölle.

Katalog in Zahlen

Deutsche Auflage: 30 Millionen, davon werden 27 Millionen Exemplare verteilt

Internationale Auflage: 211 Millionen

Länder: 48

Sprachen: mehr als 30

Redaktionelle Mitarbeiter: etwa 100

Erstmals erschienen: 1951

App-Version: Gibt es kostenlos bei Google Play und im Apple App Store (mit Räumen in 360-Grad-Ansichten)

Ikea 2017: Entworfen für dich, nicht für irgendwen. 332 Seiten. Kostenlos im Briefkasten.

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