Boom Boom Tschaka Tschaka, Haba Haba, Da Da Da Dam und Na Na Na Na

Bunt und ein bisschen bescheuert: So war das erste Grand-Prix-Halbfinale

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Sehr bunt und sehr Retro: Serbien kam mit Sängerin Nina (2. von rechts) und ihren lustigen Op-Art-Mädels ins Finale.

Düsseldorf. Favoritensterben, bescheuerte Auftritte und üble Styling-Missverständnisse bescherte am Dienstagabend der erste Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (ESC) 2011.

Für das Finale, das am Samstagabend, 14. Mai, in der Esprit-Arena in Düsseldorf stattfindet, qualifizierten sich die Beiträge aus Serbien, Litauen, Griechenland, Aserbaidschan, Georgien, Schweiz, Ungarn, Finnland, Russland und Island.

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Multivisionswände, Pyrotechnik und Lichtkanonaden trugen mit Sicherheit auch beim Vorentscheid dazu bei, dass zahlreiche Auftritte in der Wählergunst besser abschnitten, als sie es verdient gehabt hätten. Man denke nur an den Auftritt von Ell und Nikki für Aserbaidschan. Zwar gab sich das Paar, Typ; junger Mann und reife Frau, redlich Mühe, den Song „Running Scared“ so zu singen, wie es den Komponisten ursprünglich mal vorschwebte, aber von Harmonie war bei den Beiden nichts zu spüren – die kam nur über die Lichteffekte.

Größte Überraschungen waren das Ausscheiden der stark favorisierten Norwegen und der Türkei. Zumindest die Skandinavier hätten ein Weiterkommen verdient. Wahrscheinlich war ihr Beitrag „Haba Haba“ in den Augen der Wähler nicht landestypisch. Eine afrikanisch-stämmige Sängerin namens Stella Mwangi singt und tanzt á la Shakira, beherrscht aber leider nicht deren Waka Waka-Hüftschwung.

Der Vorentscheid im Schnelldurchlauf

  • Magdalena Tul: „Jestem“ (Polen) Das erste Lied des Abends wurde fast nur geschrien
  • Stella Mwangi: „Haba Haba“ (Norwegen) Hätte einen guten Weltmusik-Sommerhit abgegeben. Das modernste Lied des Vorentscheids – leider ausgeschieden.
  • Aurelia Gace: “Feel the Passion“ (Albanien”´) Aurelia möchte gerne die albanische Pink sein, hat aber mit ihrem Vorbild nur die rote Haarfarbe gemeinsam. Ein durch und durch schlechter Beitrag.
  • Emmy: „Boom Boom“ (Armenien) Ein Mitgröhl-Lied. Der Refrain „Boom Boom Tschaka Tschaka“ wird europaweit von besoffenen Fußballfans ebenso verstanden wie in den Diskotheken am Ballermann und Balaton.
  • Yükset Sadakat „Live it up“ (Türkei) 70-er Jahre Schlock-Rock im Stile von Survivor und Foreigner. Das rockt allenfalls noch die Dönerbude, geht aber auf europäischem Parkett gar nicht mehr. Trotzdem hätte man den Türken genügend Fans zugetraut, die diese Bratzmucke ins Finale wählen.
  • Nina: „Caroban“ (Serbien) Nina trägt ein Frisur, die sich Frauen gerne nach einer Trennung schneiden lassen („Ich hätte gerne etwas Freches“) und dazu Op-Art-Klamotten, für die die Carnaby-Street in den Swinging Sixties berühmt war. Ihre Stimme ist ganz nett. Ein Refrain ist vorhanden, allerdings ohne Wiedererkennungswert. Angesichts der vielen bunten Bilder auf der Multiprojektionswand wartete man andauernd darauf, dass irgendwo ein Vorhang aufgeht und ein Musical-Ensemble „Let the sunshine in“ anstimmt.
  • Alexey Vorobyov: „Get you“ (Russland) Alexey sieht aus wie der junge Johnny Hallyday ohne dessen Sex-Appeal, tanzt wie ein schlechter Shakin‘ Stevens Imitator (obwohl Shaky ja schon ein schlechter Elvis-Imitator war) und singt eine öde Rocknummer. Das Ganze ist so Klischee-beladen, dass man unwillkürlich hinter den Kulissen einflussreiche Genossen sieht, die „Argumente“ für seine Finalteilnahme in kleinen schwarzen Köfferchen …
  • Anna Rossinelli: „In Love for a while“ (Schweiz) “Na na na na, na na na …” Nein! Wirklich? Das kann doch nicht sein! Das erste richtige Lied des Abends. Dazu noch ein gutes. Erfrischend unprätentiös. Akustische Begleitung. Mitsing-Refrain und eine feine Stimme. Zu Recht ins Finale gewählt. Müsste unter die ersten Fünf kommen.
  • Eldrine: „One more day“ (Georgien) Die kaukasische Variante von Linkin’ Park (mit ein bisschen Nightwish). Eldrine ist auf jeden Fall Anwärterin auf die größte Geschmacksverirrung in Sachen Kostümierung beim diesjährigen Wettbewerb.
  • Paradise Oskar: „Da da dam“ (Finnland) Arme Finnen. Da mussten sie 45 Jahre warten, bis sie 2006 beim ESC das erste Mal auf dem Siegertreppchen standen und dann ausgerechnet mit Lordi. Seither tut man alles, um den Ruf als eines der poetischsten Länder Europas wiederherzustellen. Paradise Oskar ist der James Blunt der Schären, der Jack Johnson des Bottnischen Meerbusens und mit seiner Unschuldsmine der Schwarm aller Teenager, die am Samstagabend mit ihren Eltern den ESC anschauen müssen, weil sie noch nicht ausgehen dürfen.
  • Glen Vella: „One Life“ (Malta) Malta war in der Geschichte des ESC immer die Insel, die unabhängig vom Zeitgeist dem Lied-Charakter des Wettbewerbs Rechnung trug. Das reichte nie für einen Siegerplatz, aber für konstantes Kritiker-Lob. 2011 versuchen es die Malteser mit einem Sänger, der als Animateur beim Karaoke-Abend im Robinson-Club auf Fuerteventura Chancen hätte. Bei Männern, die auf Jungs stehen, die das Wort Hedonismus zumindest schon mal gehört haben. Wieder kein Siegerplatz aber diesmal auch kein Kritikerlob.
  • Senit: „Stand by“ (San Marino) Zweifellos die schönste Sängerin des Abends. Hätte ihr doch bloß jemand mal gesagt, dass man sich auf der Showbühne auch bewegen sollte.
  • Daria Kinzer: „Celebrate“ (Kroatien) Zwei Kleiderwechsel in drei Minuten und der Verdacht, dass es sich bei Daria um eine Transe handeln könnte, die vorgibt, eine Frau zu sein. Dazu ein DJ, der an Johnny Depp/Jack Sparrow erinnert. Darüber kann man das Lied schon mal vergessen. Es handelt vom Ausgehen, die Vorfreude auf das Wochenende, Party am Freitagabend usw. Tausendmal gehört und es ist auch diesmal nichts passiert.
  • Sjonni’s Friends: „Coming Home“ (Island) Spielt man am Eyjafjallajökull jetzt Country-Musik? Auf jeden Fall gebührt den Freunden des verstorbenen Sjonni ein großes Kompliment für den Mut, dem ganzen Glitzer-Wahn des Spektakels einen biederen Auftritt entgegen zu setzen. Das hat Stil, wenngleich auch einen altmodischen. Eine Pub-Karriere müsste auf jeden Fall drin sein.
  • Kati Wolf: What about my dreams“ (Ungarn) Auch Kati Wolf versprüht diese gewisse Transen-Aura. Dabei hieß es doch im Vorfeld, dass nur Dana International aus Israel … egal. „What about my dreams“ ist ein abschreckendes Beispiel, wie man aus tausendmal gehörten Pop-Versatzstücken immer noch eine neue Variante basteln kann – man muss sie nur nicht zwangsläufig, wie hier geschehen, realisieren. Auch das Kleid von Frau(?) Wolf hat man schon tausendmal gesehen – bei Sex and the City. Ihr Wunsch ist übrigens, einmal mit Michael Bubble zu singen. Der wird nach diesem Auftritt dafür sorgen, dass es ein Wunsch bleibt.
  • Homens Da Luta: „Luta é Alegria“ (Portugal) Die „Männer des Kampfes“ (Homens Da Luta) geben sich als eine Art Village People der Arbeiterklasse. Ob das Alles allerdings so ernst gemeint ist, wie sie vorgeben? Erinnert doch eher an eine Komödien-Inszenierung über aufmüpfige Schüler-Protestler Ende der 60er-Jahre.
  • Evelina Sasenko: „Cést ma vie“ (Litauen) Der ruhigste, stillste Beitrag des Abends. Man wird den Eindruck nicht los, etwas ähnliches schon mal gehört zu haben. Vielleicht in dem Musical „Les Miserables“?
  • Ell & Nikki: „Running Scared“ (Aserbaidschan) Weder harmoniert der junge Ell mit der reifen Nikki noch harmonieren ihre Stimmen und ihre Bewegungen. Unerklärlich, warum dieser Titel ins Finale gekommen ist. 
  • Lukas Yiorkas Feat. Stereo Mike: Watch my dance“ (Griechenland) Die ganze Welt weiß, dass Griechenland in einer großen finanziellen Krise steckt. Seit diesem Auftritt befürchtet man in Europa, dass die Helenen auch in einer kulturellen Krise stecken müssen. Selbst an den Bouzoukis wurde hier gespart.

Moderiert wurde die Vorentscheidung von dem Trio Anke Engelke, Judith Rakers und Stefan Raab, die ihre Sache sehr gut machten, abgesehen davon, dass Raab es auch auf diesem Parkett leider nicht lassen kann, den Clown zu spielen.

Probleme hatten dagegen die Fernseh-Kommentatoren Peter Urban und Steve Gätjen, die eine Weile übers Telefon kommentieren mussten, da im High-Tech-Tempel in Düsseldorf die Moderatoren-Mikrofone ausgefallen waren. (wd)

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