Christoph Schlingensief in Kassel

Vor Bushido fantasierten schon andere Künstler vom Morden

Sorgten für Schlagzeilen: Künstler Christoph Schlingensief (von links) 1997 im Tarnanzug während einer Performance auf der documenta X (mit einer Dolmetscherin), Rapper Bushido beim Praktikum bei der CDU im Bundestag, und Unternehmer Rolf H. Dittmeyer, dem die Band „Die angefahrenen Schulkinder“ den Tod wünschte. Fotos: dpa/Rosenthal

„Destruktivität und Menschenverachtung“ warf einer unserer Leserbriefschreiber dem Künstler vor. Der wiederum verteidigte sich: „Das Bild ist nur eine Vorstellung.“ Der Satz stammt von Christoph Schlingensief nach einer umstrittenen Aktion während der documenta X im Jahr 1997 in Kassel.

Ganz ähnlich hat sich nun auch der Rapper Bushido zu erklären versucht. „Ich möchte klarstellen, dass es auf keinen Fall ein Aufruf zu Gewalt sein soll“, sagt er, nachdem alle sein Lied „Stress ohne Grund“ verurteilt hatten, in dem er mit seinem Kollegen Shindy Mordfantasien gegenüber der Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth und anderen Politikern formulierte.

Künstler Schlingensief (1960 bis 2010) forderte vor 16 Jahren: „Tötet Helmut Kohl.“ Die Parole war Teil seines Projekts „Mein Filz, mein Fett, mein Hase – 48 Stunden Überleben für Deutschland“ in der Orangerie. Später erklärte Schlingensief: „Wenn ich sage ,Tötet Helmut Kohl’, bewahre ich ihn davor, weil ich das Bild ausspreche.“ Der beteiligte Schauspieler Bernhard Schütz sagte: „Mit unserer Performance wollten wir insgesamt zu Dingen aufrufen, die man sich nicht traut.“

Für die Polizei war das zu viel. Beamte brachten Schlingensief und Schütz in Handschellen zur Polizei. Eine Anzeige wegen Verunglimpfung des Kanzlers blieb folgenlos. Zuschauer skandierten jedoch: „Tötet Christoph Schlingensief.“

Die Frage ist, warum der Rap-Rüpel Bushido nicht das dürfen soll, was der von der Hochkultur geadelte Schlingensief durfte. Zumal die Freiheit der Kunst noch andere Tabubrüche möglich machte. 1991 sorgte die Osnabrücker Band „Die angefahrenen Schulkinder“ mit dem Slogan „Tötet Onkel Dittmeyer“ und einer gleichnamigen Single für Aufsehen.

Damit thematisierte die Rockkabarettgruppe TV-Spots, in denen der Valensina-Erfinder Rolf H. Dittmeyer (1921 bis 2009) seinen Orangensaft anpries („wie frisch gepresst“). In der Werbung kam der Unternehmer auf einer Wiese zwischen Obstbäumen hervor und sprach kleine Mädchen an. Für „Die angefahrenen Schulkinder“ waren die Spots „die übelste Päderastenserie unter der Sonne“. Dittmeyer verklagte die Band erfolglos.

Noch mehr Häme musste die britische Premierministerin Margaret Thatcher (1925 bis 2013) hinnehmen. 1988 fragte der Sänger Morrissey in seinem Song „Margaret On The Guillotine“: „Wann wirst du sterben? Bitte stirb.“ Auch andere Künstler wünschten der Tory-Politikerin den Tod. Als die Eiserne Lady im April starb, feierten manche eine Party.

Auch das war geschmacklos – genauso wie die Kunst von Schlingensief und Bushido. Aber demokratische Gesellschaften schützen nicht nur gute Kunst, sondern auch schlechte. Deshalb muss der Rapper wegen seines indizierten Songs wohl keine Strafe befürchten. Laut „Bild“ haben zwei Staatsanwälte den von Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit in die Wege geleiteten Strafantrag geprüft. Ergebnis: Der Text werde durch die Kunstfreiheit gedeckt.

Von Matthias Lohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.