Calexico im Kulturzelt: Joey holte das Lasso raus

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Endlich wieder in Kassel: Calexico-Sänger Joey Burns (links) und Martin Wenk, Trompeter mit nordhessischen Wurzeln.

Kassel. Kann gut sein, dass Joey Burns Sonntagabend noch in die Fulda gehüpft ist, um Abkühlung zu suchen. „Es ist plötzlich richtig heiß hier, fühlt sich gut an“, stellte der Gründer, Gitarrist und Sänger von Calexico nach den ersten schweißtreibenden Songs im vollen Kulturzelt erstaunt fest.

Der ausgelassene Sprung ins Wasser nach einem herrlichen, bejubelten Konzertabend hätte auch deshalb gepasst, weil Calexico beim letzten Auftritt ihrer 2014er-Tour 110 Minuten so lässig und geradezu befreit spielten, als würden sie dieses Finale in der Heimat ihres Multiinstrumentalisten Martin Wenk besonders genießen.

Faszinierend, wie selbstverständlich und blitzschnell die formidablen Calexico-Mitglieder immer wieder ihre Instrumente wechselten, um das phänomenale Amalgam aus Folk, Alternative-Country, Indie-Rock und Latin-Klängen zu fabrizieren. Wenk, der aus Nentershausen-Weißenhasel (Kreis Hersfeld-Rotenburg) stammt, griff zu Gitarre, Akkordeon, Vibrafon. Und natürlich zur Trompete. Denn die Mariachi-Trompeten-Fanfaren (zweiter Protagonist ist Jacob Valenzuela) prägen den unverwechselbaren Calexico-Sound ebenso wie Burns’ beinahe schwermütiger Gesang, der immer ein bisschen an die Stimmen von Jeff Buckley und Richard Ashcroft (The Verve) erinnert. Auch Kontrabass (Ryan Alfred) und Lap-steel-Gitarre (Jairo Zavala) kommen zum Einsatz. Fürs Fundament sorgen Band-Mitgründer John Convertino (Drums) und Sergio Mendoza (Keyboards).

War das jüngste Studioalbum „Algiers“ eher ruhig-melancholisch, hatten die Freunde vielfältiger Kollaborationen zuletzt sogar mit dem Filmorchester Babelsberg und dem Radio-Symphonieorchester Wien musiziert, ging’s live doch druckvoll-temporeich mit ordentlich Karacho zur Sache – spätestens bei „Crystal Frontier“ war die Stimmung am Kochen. Burns macht nicht viele Worte, aber er holte das Lasso raus. Das Galopp-Tempo wurde kaum je reduziert.

Man kommt beim Kollektiv aus Tucson/Arizona (Calexico ist ein Grenzort, der Bandname enthält zudem Bestandteile von California und Mexico) nicht umhin, den inneren (Kino-)Sehnsuchtsbildern aus dem Wilden Westen freien Lauf zu lassen: Cowboys, das Flirren der Wüstenhitze, dahinjagende Pferde und einsam schnaufende Eisenbahnen in der Prärie. Einmal hört man deren Tuten und weiß nicht, ob man das geträumt hat. Bei all den Americana bauen Calexico aber auch die urbritischen Smiths („Big Mouth Strikes Again“) und Joy Divison („Love Will Tear Us Apart“) ein.

Aufgefallen war Burns sieben Jahre nach dem letzten Kasseler Calexico-Auftritt auch das neue Auebad: „I like the new Schwimmbad.“ Beim nächsten Besuch, sagte der Sänger, gehe er da schwimmen. Und verabschiedete sich: „Bis nächstes Mal. Nächstes Jahr.“ Wäre sehr schön!

Von Mark-Christian von Busse

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