"Cabaret" als Tanz am Abgrund: Musical-Klassiker bei Festspielen

Glamour im Kit-Kat-Club: Sally Bowles (Bettina Mönch, Mitte) ist der Star der Nacht. Fotos: landsiedel

Bad Hersfeld. Bei den Bad Hersfelder Festspielen wurde die Premiere des Musicals in der Stiftsruine gefeiert.

Am Ende steht Nachtclubtänzerin Sally Bowles (Bettina Mönch) halbnackt oben neben den Leuchtbuchstaben, die B--E-R-L-I-N in den Himmel blinken. Nur ein Spot ist auf sie gerichtet, als sie mit verlöschender Stimme noch einmal den Titelsong anstimmt „...und wenn die Welt in Stücke fällt – komm doch ins Cabaret“. Von unten winkt der Conférencier (Helen Schneider) einen letzten Gruß, dann verlischt das Licht.

Das Musical „Cabaret“ von Masteroff/Ebb/Kander wurde am Freitag bei der Premiere in der vollen Bad Hersfelder Stiftsruine mit viel Szenenapplaus beklatscht. Regisseur Gil Mehmert gibt der Geschichte um den Kit-Kat-Club, der im Berlin des Jahres 1930 von heraufziehenden Nazihorden bedrängt wird, eine dunkle Grundierung. In allem Glamour deutet er stets Auflösung an. Tanz am Abgrund.

Haben Geschöpfe der Nacht in der neuen Zeit einen Platz? Die Mädchen und Jungs im Kit-Kat-Club verführen mit dem Versprechen absoluter Freiheit. Wer ist Mann, wer Frau? Die Kostüme verwischen alle Unterschiede. Doch ihre eigenen Sorgen können die Tänzer um ihren Star Sally Bowles nicht wegschieben.

Die Bühne des Clubs ist ein riesiger Flügel, auf dessen Oberseite getanzt wird (Choreografie: Melissa King). Strapse, Mieder, glitzernde Höschen locken – doch später sitzt unter den Federpuscheln ein Stahlhelm (Kostüme: Falk Bauer). Per Drehbühne kann die Szene verwandelt werden, auf der Rückseite sieht man vier Zimmer einer Pension (Bühne: Heike Meixner). Zum schwungvollen, abwechslungsreichen und scharf konturierten Sound des von Christoph Wohlleben geleiteten Orchesters gestaltet das großartige Darstellerensemble sowohl rauschende, wie auch melancholisch-intime Momente.

Bettina Mönchs Stimmkraft als Sally fegt einen bei ihren großen Songs „Mein Herr“ und „Maybe This Time“ fast vom Stuhl. Sie gibt ihrer Figur aber in der Begegnung mit ihrem Geliebten Cliff Bradshaw (mit großer Klarheit: Rasmus Borkowski) auch eine anziehende Verletzlichkeit. Ihre Sally ist ein kantiger, herber Typ mit dunkel leuchtender Stimme. Da die Bühne mit einem Steg bis vor den Orchestergraben erweitert wird, kommt man ihr ganz nah, wenn sie im Morgenmantel vorn steht und von Hoffnung singt.

Helmut Baumann und die verehrungswürdige Judy Winter erleben als betagter jüdischer Obsthändler Herr Schultz und Pensionswirtin Fräulein Schneider ein kurzes, schüchternes Liebesglück. Die Kammerspielszenen der beiden sind die berührendsten Momente des Abends, ihr romantisch-witziges Ananas-Duett und vor allem Judy Winters „Wie geht’s weiter?“ gehören zu den Höhepunkten.

Vorhang auf für "Cabaret": Hersfelder Festspiele zeigen Musical-Klassiker

Magnet und Zentrum der Inszenierung ist Festspiel-Liebling Helen Schneider. Sie moduliert ihre ausdrucksvolle Stimme in allen Nuancen zwischen Blues, Ballade und Kiekser, großartig ihr Song „I Don’t Care Much“. Ihre einzigartige Bühnenpräsenz gibt der Figur des Conférenciers eine androgyne, schillernde Clownshaftigkeit. Mit weißem Pagenkopf und rotem Augen-Makeup bewegt sie sich zumeist am Rande des Geschehens, tarnt sich auch mal als Zugschaffner oder Taxifahrer.

Zwei Stäbe mit großen weißen Handschuhen verlängern ihre Arme, mit übergroßen Gesten wird sie zur Strippenzieherin im Hintergrund. Und am Schluss, wenn Sally auf dem Dach des Kit-Kat-Clubs verzweifelt, kann sie mit den Mega-Händen sogar ein Streicheln andeuten.

Bis 2. August, Kartentelefon: 06621-640200, www.bad-hersfelder-festspiele.de

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