Caricatura-Sommerakademie: Das Gehirn auf Witz trimmen

Blick über Kassel: Ludwig Berndl zeichnete die Aussicht der Workshop-Teilnehmer von ihrer Dachterrasse im Schillerviertel als Entwurf für eine Kassel-Postkarte.

Kassel. Die Caricatura versammelte wieder talentierte Zeichner zur Sommerakademie - wir haben sie während des Workshops im Schillerviertel besucht.

Das ist süß gezeichnet! Super! Toll! Der ist wunderbar! Echt gut! Ergebnisrunde der Sommerakademie: 21 Teilnehmer des Caricatura-Workshops haben sich um einen Beamer versammelt, der Cartoons an die Wand projiziert, zu so unterschiedlichen Themen wie: Wechseljahre, Zissel, Wissenschaft und Pokémon Go. Liegestühle zum Hinfläzen gibt es, einige Zeichner stehen lieber im Hintergrund.

Alle Karikaturisten suchen eine Woche Anregungen in der Gruppe, wollen durch Tipps vorankommen. Die Stimmung ist locker, aber natürlich ist Nervosität dabei, als nach und nach jeder ein paar Blätter vorlegt. Saskia Wagner vom Caricatura-Team nimmt sie entgegen. Kritik wird kaum geübt. Manchmal ist die Reaktion schweigsam-verhalten, oft gibt es Lacher, Beifall und - höchstes Lob - Gejohle. Etwa als ein Pfarrer auf der Kanzel ruft: „Shared euch doch zum Teufel“ und ein Arzt im OP: „Tupfer! Skalpell! Google!“

Beck steht still dabei, nur manchmal gibt er einen Kommentar ab. Beck heißt eigentlich Herr Beck, Detlef Beck, um genau zu sein, ist Jahrgang 1958, lebt in Leipzig und ist, was all die Seminarteilnehmer werden wollen: ein erfolgreicher, preisgekrönter Karikaturist, der regelmäßig für Magazine und Zeitungen arbeitet. Beck ist in diesem Jahr Workshopleiter.

„Als Zeichner ist man nicht unbedingt Pädagoge“, sagt er. Deshalb hatte er sich Rat geholt beim Kollegen F. W. Bernstein, der mal Lehrer war. Die strengen Empfehlungen des Trägers des Kasseler Literaturpreises für grotesken Humor hat Beck nicht umgesetzt, denn es läuft so gut, dass er „einigermaßen euphorisiert“ ist. Alle seien willig, motiviert, es gebe „wirkliche Talente, ich bin ganz gerührt“. Die muss er nun nur „anschubsen“. Das „allergrößte Ding“ nämlich sei: „Wie kommt man zu Ideen?“ Wie man „die Gehirnwindungen auf Witz trimmt“, Gags produziert, wie Cartoons überhaupt funktionieren - nämlich über einen Überraschungseffekt -, all das übt Beck mit den Zeichnern ein, indem er Aufgaben bei begrenztem Zeitrahmen stellt. Zum Beispiel: Zeichnet, was ihr heute morgen gehört habt. Wovon ihr träumt. Wovor ihr euch fürchtet. Nach einem Besuch des neu eröffneten Stadtmuseums haben sich alle auch mit der Präsentation der Kasseler Geschichte beschäftigt.

Zum ersten Mal fand die Sommerakademie im Schillerquartier statt, in einer leerstehenden Etage der Brandt-Fabrik an der Erzbergerstraße. Viel Platz für jeden, die Arbeitstische quillen über, zum Rauchen gibt es eine Riesenterrasse. Katharina Greve, für Beck ein „aufstrebender Stern“ am Karikaturistenhimmel, hat als Referentin mit dem Raum improvisieren lassen. Deshalb kleben überall Schilder, auf einem Jägermeister-Tablett steht: „In meinem nächsten Leben werde ich Arschgeweih.“

Sylvia Nitsche aus Paderborn nimmt zum vierten Mal an der Sommerakademie teil. Jeder Workshop-Leiter bringe eine eigene Note mit, andere Ideen, erzählt sie. Nitsche illustriert vor allem Kinderbücher, hat aber ein Herz für die politische Karikatur und will „etwas bewirken“. Sie ist enttäuscht, dass Beck wenig vom politischen Cartoon hält, weil der so schnell veraltet sei. Die zeichnet sie also eher nebenbei, quasi heimlich. Vom Workshop profitiert sie in jedem Fall: „Es sind fantastische Leute hier, sympathisch und sehr lustig.“

Hintergrund

Seit 2007 veranstaltet die Caricatura jedes Jahr eine Sommerakademie. Das bundesweit einzigartige Projekt dient der Aus- und Weiterbildung von talentierten Zeichnern im Bereich des Komischen. Unterstützt wird der jeweilige Workshopleiter, diesmal der Karikaturist Beck, von Tagesreferenten, in diesem Jahr etwa Cartoonist Marcus Weimer (Rattelschneck) und taz-Redakteurin Harriet Wolff.

Die Ergebnisse des einwöchigen Workshops werden ausgestellt und in einem Katalogheft veröffentlicht. Die Ausstellung wird am Freitag, 26. August, 18 Uhr, im Stadtmuseum eröffnet. Bis 18. September.

Von Mark-Christian von Busse

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