Caricatura zeigt Witze unter Druck

Eingesperrte Aktivisten: „Oh, wie ich diese cleveren Bastarde hasse.“ Zeichnung von Izel Rozental.

Kassel. „Schluss mit lustig“ - so heißt eine Ausstellung mit aktueller Satire aus der Türkei, die die Kasseler Caricatura am Mittwoch zusätzlich zur großen documenta-Begleitausstellung „Systemfehler“ in einer temporären Dependance, einem leer stehenden Laden an der Werner-Hilpert-Straße 1, eröffnet hat.

Was hat es damit auf sich, und ist eine solche Schau in Zeiten der Festnahmen von Oppositionellen in der Türkei nicht riskant?

In Kassel werde ausgestellt, was in der Türkei bereits veröffentlicht worden sei, sagt Kuratorin Sabine Küper-Busch. Sie hat noch nie erlebt, dass gegen eine ausländische Publikation - wie den Katalog - Anklage erhoben wurde. Andererseits seien die Behörden auch noch nie so extrem gegen ausländische Journalisten und Menschenrechtsaktivisten vorgegangen.

Eine aktive Zensur gebe es nicht, ein Problem sei eher die omnipräsente Propaganda, sagt Cartoonist Tan Cemal Genç. Ramize Erer, die sich auch innerhalb der Satireszene weit vorwagt, weil eines ihrer Themen die selbstbestimmte Sexualität von Frauen ist, ergänzt: „Jeder überlegt jetzt nicht zweimal, sondern fünfmal, was er zeichnet.“ Genç hat die Hoffnung nicht aufgegeben: „Es ist nicht so, dass alle verstummt sind.“ Es gebe passiven, pazifistischen Widerstand auf vielen gesellschaftlichen Ebenen. Genç fürchtet jedoch, dass es zum Gewaltausbruch kommen könnte: „Das wäre das Schlimmste.“

Die Idee

Die Ausstellung wolle auch die eigene Rat- und Hilflosigkeit angesichts der Entwicklung in der Türkei überwinden, sagt Caricatura-Geschäftsführer Martin Sonntag. „Und das Beste für die Zeichner ist Präsenz - dass ihre Cartoons gezeigt werden.“ Er weiß: „Wir selbst hätten eine solche Ausstellung nicht ansatzweise hinkriegen können.“

Die Kuratorin

Sabine Küper-Busch, Autorin, Kuratorin und Filmemacherin, lebt seit einem Vierteljahrhundert in Istanbul. Sie kennt die Satire-Szene bestens, die sich zurzeit „total in die Ecke gedrängt“ fühle. Natürlich machten die vielen Verhaftungen Angst. Sie selbst erschrecken die Kränkungen, der Hass, die Rache- und Gewaltfantasien, die im Augenblick ausbrechen. Die Zeichner hätten auf die Einladung aus Kassel enthusiastisch reagiert: „Wir setzen sie keinem Risiko aus“, ist sie überzeugt, „aber sie haben auch nicht mehr viel zu verlieren.“

Die Tradition

Die Türkei habe seit langem eine rege Satireszene, schon zu Zeiten der Militärdiktatur sei Kritik in populären Magazinen mit Karikaturen geäußert worden, sagt Küper-Busch. Auch jetzt noch gebe es scharfe, gleichzeitig unterhaltsame Comics und Cartoons, nur vielleicht eher im Heftinneren als auf dem Titel. Musa Kart, Karikaturist der liberalen Tageszeitung „Cumhurriyet“, sitzt in Haft. Er hatte es etwa gewagt, Erdogan als Katze zu zeichnen - was diesen empfindlicher trifft, als wenn er als Diktator oder gar Hitler dargestellt wird.

Die Ausstellung

Die Schau, die vom Auswärtigen Amt gefördert wird, zeigt einen Querschnitt satirischen Schaffens in der Türkei und erläutert, welcher Codes sich die Satiriker - beispielsweise in Science-Fiction-Geschichten - bedienen (können). Die 70 Zeichnungen von 46 Cartoonisten sind als Drucke mit Texten auf Türkisch und Deutsch zu sehen - sie wurden allesamt vollständig übersetzt.

Die Ausstellung „Schluss mit lustig - Aktuelle Satire aus der Türkei“ ist bis 27. August im Ausstellungsraum Werner-Hilpert-Straße 1 täglich von 12 bis 19 Uhr zu sehen. Besucher der Schau „Systemfehler“ der Caricatura im Kulturbahnhof können mit ihrem Ticket (6/ermäßigt 5 Euro) auch die Türkei-Ausstellung besuchen, der Eintritt nur dafür kostet 4 (3) Euro.

Kontakt für Führungen: Tel. 0561/776499. Der Katalog (Avant-Verlag, 88 S.) kostet 15 Euro.

Am Donnerstag, 19 Uhr, findet in der Weinkirche, Werner-Hilpert-Str. 22, ein Podiumsgespräch mit Sabine Küper-Büsch, Tan Cemal Genç, Selcuk Erdem, Ramize Erer und Oky statt. Eintritt frei nach Anmeldung unter info@caricatura oder Tel. 0561/776499.

Von Mark-Christian von Busse

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