Carolin Kebekus: Grundrecht aufs Leberwurstbrot

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Sensationeller Auftritt: Carolin Kebekus in Kassel.

Kassel. Comedian Carolin Kebekus lieferte am Samstagabend als "Alpha Pussy" in der Kasseler Stadthalle einen brillanten Auftritt. Nach zwei Stunden wurde die 35-jährige Kölnerin umjubelt.

Als Carolin Kebekus am Samstagabend zu Beginn ihres brillanten Auftritts in der ausverkauften Kasseler Stadthalle Tuchfühlung mit dem Publikum aufnimmt und ihr ein Junge namens Luka zuruft, er sei zwölf, ist sie ein bisschen erschrocken. „Da wird dir die Mama nachher ein, zwei Sachen erklären müssen“, befürchtet die 35-Jährige.

Luka lernt, welche Musik man einst „beim Knattern“ hörte, erfährt was über „Pimmel-Selfies“ und „Vorspiel-Gerüchte“. Als Kebekus über Mutter-Tochter-Pornoproduktionen spricht, fragt sie, ob Luka nicht lieber eine Benjamin-Blümchen-Kassette hören solle.

Statt der „heiteren Witzerevue“ der „frechen Ulknudel“ mit raffiniert-neckischen Pointen, die eine Stimme vom Band angekündigt hat, spielt Kebekus im Programm „Alpha Pussy“ nämlich die derb-prollige Comedy-Variante. „Ich hab früher zu den Assis gehört“, sagt sie über ihre Jugend – auch eine 35-Jährige kann schon mit einem nostalgischen Rückblick weite Strecken eines umjubelten Abends bestreiten: „Jede Party war wie ein ganzes Leben. Das Schönste sind doch diese Kotzgeschichten von früher.“

Experimente mit der Mikrowelle, „das war unser Youtube“, erzählt sie, und wie man am Ende eben doch Party im Wohnzimmer gefeiert habe, wenn sturmfrei war, statt im Partykeller. Heute sei der Gipfel, wenn man die Kaffeemaschine in den Keller hole: „Die Eltern sind heute so hip, da kann man nur mit Spießigkeit rebellieren“, wundert sich Kebekus.

Es geht Kebekus, die mit der ZDF-„heute show“ noch mal an Popularität gewann, aber nicht nur um pure Provokation. Die 35-Jährige – die neben ihrer kölschen Färbung großes Talent als Sprachparodistin und Stimmenimitatorin beweist – übt bisweilen bissige Gesellschaftskritik, manchmal auch subtil. Und schafft es sogar, voller Empörung den Begriff „geschlechtsspezifisches Lohngefälle“ unterzubringen. Und als sie vom Schmerz und der Trauer um ihre aus dem Programm „Pussy Terror“ bekannte, inzwischen gestorbene „schlesische Oma“ erzählt, wird es für einen Moment ganz ernst. Sie selbst, vermutet Kebekus, müsse im Himmel erstmal „100 Jahre auf die stille Treppe“.

Als Kebekus neulich im Mett badete – tatsächlich war’s Styropor, Tomatenmark und Butter – schlugen die Wogen hoch. „Es war lustig gemeint“, wundert sich Kebekus über die Empfindlichkeit, mit der sich jeder sofort angegriffen und verletzt fühlt. Ganz schlimm seien die Helene-Fischer-Ultras: „Mit denen willst du nichts zu tun haben.“ Oder im Netz: „Die Leute gehen sich an die Gurgel wegen gar nichts.“ Wer bloß Spätzle-Rezepte austausche, hetze plötzlich gegen Ausländer und fange an, sich bis aufs Blut zu streiten („Da kommt’n Komma, du Opfer“): „Wie ist es dazu gekommen, was ist mit der Welt los?“

Es ist eine bevorzugt virtuelle Welt, die Kebekus sehr genau beobachtet. „Youtube zerstört mein Leben“, erzählt sie, ihr Gehirn sei mittlerweile verkümmert, abgestumpft, alles müsse immer härter sein, ihre Aufmerksamkeitsspanne liege inzwischen nur noch „bei 1:30“, schon fünf Sekunden Werbung seien ihr zu langweilig: „Ich hab schon mal versucht, Leuten durchs Gesicht zu wischen.“ TV, Tablet, Smartphone laufen parallel. Bloß der vierte Schirm („fourth screen“), das Fenster, „Open World“, das sei zu krass.

Kebekus’ Anliegen ist, junge Frauen stark und selbstbewusst zu machen – „mehr Eier“ ist die Devise. Frauen sollen nicht nur lieb, niedlich und süß sein. Und auch keine „Werbungsopfer“ und „Psychos“. Kebekus fragt sich, warum sich junge deutsche Frauen syrischen oder irakischen Gotteskriegern unterwerfen wollen: „Ist das so schlimm, sich den Mann selbst auszusuchen? Lieber zwangsverheiratet, als bei Tinder weggewischt werden?“ Was läuft da falsch?

Sie geißelt den RTL-„Bachelor“, findet „Bullshit-Tutorials“ auf Youtube fragwürdig, wo Mädchen sich schminken wie Dragqueens, Kosmetikprodukte aus DM-Tüten auspacken, an einer Erbse riechen („What I eat in a day“) oder Spinat-Grünkohl-Smoothies mixen: „Ich fühl’ mich so healthy!“

Kebekus ist eher der Typ Wurst-Bier-Smooothie, der das Leberwurstbrot als Grundrecht ansieht: „Wenn Gott nicht will, dass ich das Schweinchen esse, warum hat er es so lecker gemacht?“

Sie schildert Veganer, die einem ’ne Frikadelle ans Ohr labern, und erntet einen Riesenapplaus, als sie ruft: „Sei einfach nur Veganer und halt die Fresse!“

Luka versichert sie zum Schluss des über zweistündigen, atemberaubenden Trommelfeuers übrigens ausdrücklich: „Ich hab alles genau so gemeint.“

Carolin Kebekus in der Stadthalle

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