Regisseur Jean-Pierre Jeunet im Interview über seinen neuen Film „Micmacs - Uns gehört Paris!“

„Cartoon mit echten Menschen“

Mit seinem „Delicatessen“ schuf er einen Kultfilm, mit „Die fabelhafte Welt der Amélie“ gelang ihm der kommerzielle Durchbruch: der französische Regisseur Jean-Pierre Jeunet zählt zu den wenigen zeitgenössischen Filmemachern mit einer unverwechselbaren Handschrift. Er schafft in jedem Werk ein Universum. Diese Woche startet Jeunets „Micmacs – Uns gehört Paris!“, in dem es eine Gruppe von Underdogs mit skrupellosen Waffenhändlern aufnimmt.

Wie passen die „Micmacs“ in Ihr Film-Universum?

Jean-Pierre Jeunet: Ich wollte eine Art Cartoon mit echten Menschen machen, gemischt mit Slapstick-Elementen. Ich hatte zwei Jahre lang an der Roman-Adaption „Schiffbruch mit Tiger“ gearbeitet. Leider hat sich das Projekt als zu teuer erwiesen. Ich musste dringend einen Film machen und brachte dieses Drehbuch mit Guillaume Laurant zu Papier. Für mich ist „Micmacs“ ein Trickfilm, der in der echten Welt spielt. Er ist weniger realistisch als „Amélie“ oder „Mathilde – Eine große Liebe“. Diese Filme waren bodenständig, auch wenn ich es liebe, auf Distanz zur Realität zu gehen.

Woher rührt Ihr Wunsch, anders zu sein?

Jeunet: Ich hasse Realismus, bei dem man ein Motiv abfilmt und nichts anrühren darf. Das ist nicht mein Fall. Ich bevorzuge Künstler, die eine Vision haben. Mein Pantheon wird von Regisseuren wie Fellini, Sergio Leone oder Kurosawa bevölkert. Sie haben eine eigene Welt geschaffen. Heute sind es Leute wie Kusturica oder David Lynch, deren Stil man sofort erkennen kann. Das ist es, was ich anstrebe.

Wann haben Sie Ihren eigenen Stil entwickelt?

Jeunet: Ich habe mit Trickfilmen angefangen. Ich fühle mich wie ein Maler, ich modifiziere die Farben, ich mache die Straßen blitzblank und schaffe Sets, die sich von der echten Welt unterscheiden. Ich sage nicht, dass das Kino immer so arbeiten sollte. Aber das ist mein Weg.

Beginnt ein Filmprojekt mit der zündenden Idee oder tragen Sie Einfälle zusammen?

Jeunet: Es ist ein Mix. Zuerst sammelt man immer Ideen. Ich notiere alle lustigen oder seltsamen Dinge, die mir zu Gehör kommen, 365 Tage im Jahr. Das Konzept ist die schwierigste Aufgabe. Man entscheidet, dass es eine Rache-Geschichte werden soll, mit Waffenhändlern in der Rolle der Bösewichte. Okay, welche Ideen haben wir gesammelt, die dazu passen? Wenn unser Buch vollgepackt ist, beginnen wir mit den Dreharbeiten. Wir haben für diesen Film eine sehr lustige Szene gedreht. Aber im Schneideraum habe ich festgestellt, dass sie nicht zum Film passt. Ich werde diese Szene nicht auf der DVD verbraten, denn ich weiß, ihr Tag kommt, in einem anderen Film.

Wie trainieren Sie den Fantasie-Muskel?

Jeunet: Das ist weniger eine Frage des Trainings. Ich suche mir das richtige Team zusammen. Wie die Leute, mit denen es mein Hauptdarsteller Dany Boon im Film zu tun bekommt, hat in meiner Crew jeder seine Spezialität: der Produktionsdesigner, der Kameramann: Jeder ist auf seinem Gebiet viel besser als ich.

Man hat Ihnen angeboten, einen Harry-Potter-Film zu inszenieren. Sie haben abgelehnt. Warum?

Jeunet: Für „Alien – Die Wiedergeburt“ hatte man mich angeheuert, um etwas Neues zu schaffen. Meine Ideen waren willkommen. Bei Harry Potter kann man das vergessen. Alles ist vorgegeben, die Schauspieler, die Drehorte. Man ist nur da, um die Kamera aufzustellen und die Kommandos zu geben. Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen, aber wenn ich zwischen zwei Wegen wählen soll, entscheide ich mich für den anspruchsvolleren.

In Ihrem Film geht es um den Aufstand des kleinen Mannes. Eine Fantasie?

Jeunet: Ja. Es ist ein Traum, eine schöne Geschichte. Die Story des kleinen Däumlings zieht sich durch all meine Filme. Man darf sich ja wenigstens vorstellen, die Bösen besiegen zu können.

Von André Wesche

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