Cello-Gesang und Schostakowitschs Achte im Kasseler Sinfoniekonzert

Abschied mit Solo-Auftritt: Cellist Wolfram Geiss (vorn) und Dirigent Patrik Ringborg. Foto: Zgoll

Kassel. So viel Gegensätzliches in einem Konzert: Das Kasseler Staatsorchester und Generalmusikdirektor Patrik Ringborg setzten das Publikum am Montag in der ausverkauften Stadthalle einem Wechselbad der Gefühle aus.

Außerdem wurde Abschied gefeiert: Nach 35 Jahren als Solocellist bestritt Wolfram Geiss sein letztes Sinfoniekonzert - und setzte als Solist von Max Bruchs „Kol Nidrei“ für Cello und Orchester einen eindrucksvollen und berührenden Schlusspunkt unter eine außergewöhnliche Orchesterkarriere.

„Kol nidrei“ ist ein sehr eindringliches, melodisches Werk, das auf dem „Kol Nidre“, dem Bußgesang zum jüdischen Jom-Kippur-Fest, beruht. Als zweites Thema verwendet Bruch Isaac Nathans Hymne „Oh Weep for Those that Wept on Babel’s Stream“.

Ungeachtet eines kleinen Wacklers in den ersten Violinen zu Beginn wurde dieses Werk zu einem besonderen musikalischen Moment durch die Intensität, ja Innigkeit, mit der Wolfram Geiss sein Cello singen ließ. Mit feinem, nie auftrumpfenden, aber stets substanzreichem Ton spielte Geiss und gestaltete die melodischen Bögen mit großer Ruhe, aber auch mit Nachdruck - und vor allem ohne jede Sentimentalität.

Patrik Ringborg und das Orchester trugen den Solisten quasi auf Händen - ein spielerisches Zeichen von Wertschätzung. Die kam dann auch in kurzen Ansprachen des Dirigenten und des Orchestervorstands Joachim Schwarz zum Ausdruck. Das Publikum verabschiedete Geiss mit Standing Ovations.

Begonnen hatte das Konzert mit dem Foxtrott aus John Adams’ Oper „Nixon in China“ (1986). Süffig wie Strauss und locker wie Glenn Miller hatte ein Kritiker das Stück genannt. Hier war schön zu erleben, wie sich allmählich die minimalistisch strenge Motorik in lässig synkopierte Tanzrhythmen auflöst und mit Klavier- und Schlagzeugklängen sanft verebbt.

Eine andere Welt erschien im zweiten Teil. Die des Krieges, dessen Schrecken Dmitri Schostakowitsch in seiner 1943 uraufgeführten 8. Sinfonie beschwört. Von den ersten harten Streicherdissonanzen des 30-minütigen ersten Satzes an lässt diese Extremmusik die Zuhörer kaum einmal durchatmen. Auch der sanft verklingende Schluss des fünften Satzes signalisiert eher Erschöpfung als Erlösung.

Eindrucksvoll gelang es Patrik Ringborg, das gut einstündige Werk mit großer Spannung zu einem geschlossenen Ganzen zu formen - und dabei die Phasen trostloser Verlorenheit, etwa im vierten Satz, zuzulassen. Von kaum auszuhaltender suggestiver Gewalt war der dritte Satz mit seiner brutalen marschartigen Motorik, die - wie mehrfach in dieser Sinfonie - in einen Orchester-Aufschrei samt Trommeldelirium mündet.

Erst nach einigen Sekunden Stille setzte ein lang anhaltender Beifall ein, der neben dem Dirigenten auch einer starken Orchesterleistung galt.

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