Mit dem Cello unterwegs

Wen-Sinn Yang spielte beim Kultursommer Nordhessen

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Voll guter Laune: Wen-Sinn Yang.

Jestädt. Kammermusik im ursprünglichen Wortsinn bekamen die gut 70 Zuhörer geboten, die sich im kleinen Saal von Schloss Jestädt bei Eschwege drängten, um den Cellisten Wen-Sinn Yang zu hören. Der Kultursommer hatte diesen idyllischen Ort für einen Musikabend gewählt, der den üblichen Begriff Konzert sprengte.

Der 49-jährige in Bern geborene Starcellist taiwanischer Abstammung nahm das Publikum in seinem Programm „Cello on the Road“ mit auf eine Reise durch die Geschichte dieses Streichinstruments, die natürlich bei Johann Sebastian Bach begann - aber musikalisch bei den Brüdern Jean-Pierre und Jean-Louis Duport einsetzte, die im späten 18. Jahrhundert am Berliner Hof wirkten.

Es waren herausragende Musiker, die mit ihren Etüden die Entwicklung des Cellospiels voranbrachten, ansonsten aber als Komponisten keine Bedeutung erlangten. Wen-Sinn Yang demonstrierte ihre spieltechnischen Kabinettstückchen nicht nur auf dem Instrument, sondern führte auch in sympathisch schweizerischem Tonfall mit pointierten Erläuterungen durch das Programm.

Dem Versprechen ans Publikum, einem Konzert beizuwohnen, „wie Sie es noch nie gehört haben und wohl auch nicht wieder hören werden“, kam Wen-Sinn Yang mit weiteren Kostbarkeiten nach, die außer Proficellisten kaum einer kennt. Etwa mit zwei feinen Capricen des Cellisten und Chopin-Freunds Auguste-Joseph Franchomme.

Höhepunkt des ersten Konzertteils, der zeigte, welch eine rasante Entwicklung das Cellospiel im 19. Jahrhundert nahm, waren fünf Etüden von David Popper. Hier zeigte Wen-Sinn Yang seine zirkusreife Technik mit irren Doppelgriffen, Sprüngen und kaum mehr zu verfolgenden Läufen.

Ein ganz anderes Kunststück Wen-Sinn Yangs war es dann nach der Pause, das Publikum in die Moderne mitzunehmen und mit plastischen Assoziationen („angetrunkener Bürgermeister mit Schluckauf“) für Paul Hindemiths Cellosonate op. 25 und sogar („Es kommt jetzt noch schlimmer!“) für ein an seine Oper „Lear“ anknüpfendes Cello-Stück Aribert Reimanns zu begeistern.

Nach einer spanischen Tanzsuite von Gaspar Cassadó kehrte Wen-Sinn Yang zu Bach zurück mit drei wunderbar tonintensiv und ausdrucksvoll gespielten Sätzen aus der C-Dur-Suite und dem G-Dur-Prélude als Zugabe. Ein lehrreicher, sehr unterhaltsamer Abend mit toller Musik und einem brillanten Interpreten - Konzerte dieser Art sollte es öfter geben.

Von Werner Fritsch

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