Till Brönner und die Band DIG mit lässiger Virtuosität in Kassel

Begeisterten das Kasseler Publikum: Eric Marienthal (Saxofon, von links), Till Brönner (Trompete) und Chuck Loeb (Gitarre). Foto:  Malmus

Kassel. Kleines Wort mit großer Wirkung - DIG nennt sich das formidabel besetzte Bandprojekt um den deutschen Jazztrompeter Till Brönner, das man zurzeit in den Clubs und auf den einschlägigen Festivals zu hören bekommt.

Das retro-perspektivisch ausgerichtete Improvisations-Spektakel fünf kapitaler Platzhirsche der Off-Beat-Gegenwart begeisterte am Mittwochabend im gut besuchten Kasseler Kulturzelt die Jazzfans.

Ein Quintett, dessen Zusammensetzung den Kennern der Szene Tränen der Freude in die Pupillen zaubert. Wenn man einen Drummer wie Harvey Mason für ein Standard-geprägtes Programm anfragt, dann kann man sicher sein, dass genügend Testosteron in der Rhythmusarbeit zum Tragen kommt. Funk und Soul prägen das Spiel des abgezockten Superstars der Fusion-Szene, auch wenn Bebop eingezählt wird oder man in romantische Balladen abtaucht.

Till Brönner steht für die Art Champagner-Jazz, der Frauenherzen höher schlagen lässt und Kritiker in die Verzweiflung treibt. Sein Spiel wirkt immer eine Spur zu glatt, doch er versiegelt seine ambitionierten Exkursionen mit einer unleugbaren Eleganz und unstrittigen Kompetenz. Das europäische Echo auf afroamerikanisches Selbstbewusstsein. Da werden sauber und ordentlich die Synkopen gepflanzt.

Gerade im Vergleich mit Saxofonist Eric Marienthal und dem Gitarristen Chuck Loeb, die beide für amerikanischen Big-City-Jazz stehen, konnte man den Unterschied in der Dynamik und Philosophie heraushören.

Da wird probiert, reagiert, sich hineingearbeitet in die solistische Wegstrecke. Die Jagd auf die Blue Notes über Stock und Stein unerbittlich zum Ende gebracht. Allein, im Duett oder im Duell. Dieser Prozess ist für ein Publikum so spannend wie ein Thriller von Martin Scorsese.

Den kreativen Höhepunkt setzte allerdings der B3-Hammondorgelspieler Pat Bianchi. Was bei seinen Partnern mit üppiger Brillanz über den Bühnenrand abgefeuert wurde, bekam bei ihm noch einen Schuss Innovation mit auf den Weg. Die Bassarbeit erledigte er zwischen aufmüpfiger Skalenverschiebung und provokantem Ostinato im Vorbeigehen, und mancher Sound und manche Linie klangen wie schlüpfende Küken, die über die Tasten tapsten. Witzig und sehr unterhaltsam, an die Ensembles Bad Plus und Sex Mob erinnernd.

Fazit: Eine Formation, die es verstand, mit viel Spaß intelligenten Mainstream-Jazz zu zelebrieren. Großer Applaus für ein grandioses Konzert.

Von Andreas Köthe

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