Chansonnier Tim Fischer: "Ich war ein Stricher"

Chansonnier Tim Fischer ist erst 42 und steht schon seit 27 Jahren auf der Bühne - mit allen Höhen und Tiefen. Nun gastiert der Berliner gleich zweimal in Kassel. Zeit für einen Rückblick.

Manchmal fühlt sich Tim Fischer wie ein alter Mann. Der Berliner Chansonnier ist im März erst 42 geworden, feierte aber schon vor zwei Jahren sein 25. Bühnenjubiläum. „Ich weiß jetzt, warum die alten Leute so oft sagen, die Zeit vergehe immer schneller“, sagt Fischer, dessen bisherige Karriere rasend schnell vergangen ist, seitdem er Anfang der 90er-Jahre als „Wunderknabe des Chansons“ gefeiert wurde.

Mittwoch und Donnerstag wird er im Kasseler Theaterstübchen auftreten und Lieder von Künstlern wie Jacques Brel, Georg Kreisler und Zarah Leander sowie seines Pianisten Rainer Bielfeldt singen. Auch das poppige „Schöner war’s mit dir“, das er mit Peter Plate von Rosenstolz aufgenommen hat, wird dabei sein.

Es sind Lieder, die von „Liebe, Leid, Freude und Tod“ handeln, wie Fischer sagt: „Das sind meine Themen. Chanson ist Schauspiel, verlangt aber auch einen echten Kern, den man preisgeben muss.“ Im Interview gibt Fischer viel preis aus seinem Leben, das von Liebe, Leid, Freude und der Allgegenwart des Todes handelt.

Aufgewachsen ist der Sohn zweier Hippie-Eltern zwischen Oldenburg und Bremen. „Ich war ein Außenseiter“, sagt Fischer. Während die anderen Rockmusik hören, entdeckt er Chansons. Als er als Neunjähriger mit einer Freundin und deren Mutter in Griechenland Urlaub macht, spielt die Hotel-Band „Ein Schiff wird kommen“. Der kleine Tim stürmt auf die Bühne, entreißt der Sängerin das Mikro und singt den Text auf Deutsch. Seinen ersten echten Auftritt hat er mit zwölf in einem Oldenburger Nachtclub. Da weiß er schon, dass er homosexuell ist. Ein schwuler Chansonnier - mehr Außenseiter geht damals in der Provinz kaum.

Mit 17 flieht er nach Hamburg, bricht erst die Schule und dann die Schauspielausbildung ab. Im Schmidt-Theater wird er berühmt - unter anderem mit der „Rinnsteinprinzessin“. Die Texterin Edith Jeske hat das melancholische Stück über eine Prostituierte Fischer auf den Leib geschrieben. „Ich war selbst Stricher“, sagt der Sänger. „Es gab eine Zeit, da liefen mir die alten Männer hinterher und winkten mit 50-Mark-Scheinen.“ Er muss kurz lachen und sagt: „Reichsmark waren es nicht.“ So alt ist Fischer dann doch noch nicht.

Lustig war diese Phase jedoch ebenso wenig wie die Drogenexzesse, die er gern in lauten Clubs auslebte. Heute lebt Fischer mit seinem kubanischen Mann in Berlin und heißt offiziell Tim Jiménez Domínguez. Er engagiert sich für die Aids-Hilfe, für die er auch in Kassel Geld sammelt. Und seit zwei Jahren trinkt er keinen Alkohol mehr.

Dafür trägt er nun zwei Hörgeräte. „Ich habe früher ordentlich Gas gegeben“, bekennt Fischer. Er weiß jetzt, wie es sich anhört, alt zu sein. Seine Stimme indes bleibt zeitlos.

Tim Fischer tritt Mittwoch und Donnerstag, 20 Uhr, im Kasseler Theaterstübchen, Jordanstraße 9, auf. Tickets beim HNA-Kartenservice, 0561/203-204. 

Zur Person

Geboren: am 12. März 1973 in Delmenhorst

Ausbildung: Schauspielausbildung (abgebrochen)

Karriere: Der Autodidakt Fischer wurde vor allem mit Liedern von Georg Kreisler, Zarah Leander und Hildegard Knef bekannt. Sein erstes Album „Wenn die Liebe ausgeht“ erschien 1993. Im Mai erhielt Fischer den Deutschen Chansonpreis. Bruder Denis ist ebenfalls Sänger.

Aktuelle CD: „Drei Sterne“

Privates: Fischer lebt mit seinem Mann in Berlin, hat dessen Namen angenommen und heißt jetzt offiziell Tim Jiménez Domínguez.

Hobbys: Kochen und Freunde einladen.

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