Eine spektakuläre Ausstellung in der Londoner Royal Academy stellt Vincent Van Goghs Briefe aus

Der Chaot als planvoller Arbeiter

Blutspuren: Van Goghs letzter Brief, den er bei sich trug, als er sich erschoss. Foto:  apn

London. Heiliger, Außenseiter und gequältes Genie, das zwischen Talent und Wahnsinn zerrieben wurde - so gilt Vincent van Gogh vielen. Doch die Royal Academy bietet jetzt einen überraschend neuen Blick auf den Maler: In London ist erstmals eine Sammlung seiner Briefe zu sehen, die den Mythos seiner Werke als Ausgeburten des Irrsinns radikal widerlegt.

Wer sich hier allerdings Einblicke in van Goghs Privatestes erhofft, wird enttäuscht. Das Anliegen der Kuratoren ist nämlich ein ganz anderes, ähnlich spannendes: Sie haben das Doppelwerk von Kunst und Korrespondenz arrangiert, um die akribische Arbeitsweise des Malers zu veranschaulichen. Die faszinierenden Paare von Ölgemälde nebst notierter Idee ermöglichen die Neu-Entdeckung seiner Werke. Entgegen der weitläufig verbreiteten Vorstellung erweisen sich van Goghs Bilder dabei eben nicht als Auswüchse seiner Wahnschübe, sondern als akribisch geplante Konstruktionen.

Da ist der Sohn eines holländischen Pfarrers, der sich mit 27 Jahren entscheidet, Maler zu werden, um dann eine kurze, heftige Karriere hinzulegen, auf deren Höhepunkt er sich ein Ohr abschneidet und sich 1890 auf einem Feld in Südfrankreich erschießt.

Zwischen Punkt, Komma, Strich und Schwüngen entwirft Vincent in seiner Korrespondenz an Bruder Theo tatsächlich Konzept um Konzept. Sauber und ordentlich beginnen die Brandbriefe im Jahr 1875, meist in Form lebhafter Monologe, in denen der Autodidakt mit seiner Arbeit hadert. Ab 1880 eilt seine Feder dann schon freier über das billige Papier, das er bogenweise und gefaltet kauft: Die Buchstaben offen, flach und eben, immer bis dicht an den Seitenrand gepresst, immer wieder mit Skizzen jener Fragen und Motive versehen, die er mit sich trägt. „Ich sehe vor dem Fenster rote Dachziegel, über denen ein Schwarm weißer Tauben aufsteigt und zwischen rauchschwarzen Kaminen davonfliegt“, schreibt er da und beweist auch literarisches Talent.

Der letzte Originalbrief setzt einen Paukenschlag zum Schluss des Rundgangs. „Ach ja, ich riskiere mein Leben für die Arbeit und mein Verstand ist schon halb dabei draufgegangen, aber nun gut ...“. Die Depesche an Theo endet auf halber Seite, statt Abschiedsgrüße beschließen Blutspuren die Botschaft. „Brief, den er am 27. Juli 1890 bei sich trug, an diesem schrecklichen Tag“ hat Bruder Theo auf der Vorderseite vermerkt.

Van Gogh hatte sich erschossen, bevor er den Brief auf den Weg schickte - zermürbt von der Furcht vor neuen mentalen Ausfällen und Selbstzweifeln. Angesichts der Milliarden, die die Exponate in der Royal Academy heute wert sind, dürften die Briefe auch als Zeugnis seiner kolossalen Selbstunterschätzung gesehen werden.

„The Real Van Gogh - The Artist And His Letters“ ist bis 18. April in der Royal Academy zu sehen. Die Briefe sind auch in einem neuen Online-Archiv abrufbar: www.vangoghletters.org

Von Jasmin Fischer

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