Staatstheater

Charisma des Bösen: Das Musical „Jekyll & Hyde“ hatte in Kassel Premiere

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Überwältigt vom bösen Dämon: David Arnsperger als Verbrecher Edward Hyde, der immer mehr Besitz von der Persönlichkeit des Dr. Henry Jekyll ergriffen hat.

Kassel. Keine schaurig-schöne Mordgeschichte aus dem nebligen London, sondern ein zeitgemäßer Blick in menschliche Abgründe ist die Neuproduktion des Musicals „Jekyll & Hyde“, die am Samstag am Kasseler Staatstheater Premiere hatte.

Fast wirkt das Stück über den Wissenschaftler Dr. Henry Jekyll, der wie besessen nach einem Mittel zur Abschaffung des Bösen im Menschen sucht, selbst wie eine Versuchsanordnung.

Nur zwei Lichtrahmen benötigt die Bühne von Daniel Roskamp, auf der sich die Szenen in dichter Folge aneinanderreihen. Später verengt sich die Bühne zum geschlossenen Raum, der nur einen schmalen Spalt offen lässt, und immer wieder kommentieren Tänzer in Schattenspielen auf einer Leinwand das Geschehen.

Konzentration auf das Wesentliche - so hat Regisseur Patrick Schlösser das Stück über den Wissenschaftler, der in sich den bösen Widerpart Mr. Hyde erweckt, angelegt. Nur wenige Dialoge verbinden die englisch gesungenen Musiktitel, die sich über zwei Stunden zu einem starken Gefühlsstrom verbinden. Manches Mal kontrastiert die Musik die Nüchternheit der Szene, etwa wenn sich Dr. Jekyll (David Arnsperger) erstmals das verhängnisvolle Mittel spitzt.

Ein Musical - und speziell dieses 1990 uraufgeführte Werk von Frank Wildhorn (Musik) und Leslie Bricusse (Texte), lebt indes auch von Poesie. Und daran mangelt es der Kasseler Inszenierung keineswegs.

„Schafft die Männer ran!“: Susan Rigvava-Dumas als Lucy, umgeben von Tänzern.

So erscheint immer wieder ein rätselhaftes Wesen in schrillen Outfits (Kostüme Werner Fritz), das auf Deutsch kurz den Fortgang der Geschichte mitteilt: die Drag Queen BayBJane. Und eine weitere Dimension steuern die von Michael Langeneckert fantasievoll choreografierten Tänzer bei, mal als sichtbar gemachte Geister der Handelnden, mal im Schattenspiel, in dem sie - kleine Reminiszenz ans alte London - vom Mörder Hyde mit der Keule niedergestreckt werden.

Im Mittelpunkt steht indes die gespaltene Figur des Dr. Jekyll und Mr. Hyde, die David Arnsperger mit viel Charisma auf die Bühne bringt. Nur durch Körpersprache und ein übers Gesicht gezogenes Gummiband wird er vom ehrgeizigen Forscher zum Mörder Hyde und beglaubigt dies mit seiner enorm wandlungsfähigen Stimme - absolut brillant bei Jekylls und Hydes dramatischem inneren Dialog „Confrontation“.

Doch nicht nur die Gespaltenheit macht diese Figur spannend, sondern auch, dass sie zwischen zwei Frauen steht: Julia Klotz verleiht Emma, Jekylls Verlobter, eine Aura zarter, reiner Liebe. Ganz anders Susan Rigvava-Dumas, die als laszive Nachtclubsängerin Lucy eine stimmlich kaum zu toppende Powerfrau - mit der Fähigkeit auch zu zarten Tönen - darstellt. „Schafft die Männer ran“ - nach diesem Song erreichte der Beifall erstmals Orkanstärke.

Erzählt auf Deutsch die grausame Geschichte: BayBJane.

Auch der bunt pastellig gekleidete Chor sorgt als Volkes Stimme für musikalische Glanzpunkte, etwa im Song „Mörder, Mörder“. Andreas Wolfram als Jekylls Freund John, Lona Culmer-Schellbach als Nellie, Bernard Modes als Sir Carew und Abraham Singer als Simon Stride runden die feine Ensembleleistung ab.

Viel Power und Glanz kommen aus dem Graben, wo Dirigent Marco Zeiser Celesti mit Band und Staatsorchester einen mitreißenden Soundtrack erzeugt. Das Publikum im fast ausverkauften Opernhaus war begeistert und dankte mit Standing Ovations und lautem Jubel.

Nächste Vorstellungen: 8. und 14.2., Karten: Tel. 0561 / 1094-222

Von Werner Fritsch

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