Debatte um Schweden-Krimi des SZ-Feuilleton-Leiters dauert an

Der Chef als Mordopfer

Frank Schirrmacher (52)

Thomas Steinfeld, Feuilletonchef der „Süddeutschen Zeitung“, hat eingeräumt, Ko-Autor des nächste Woche unter dem Autoren-Pseudonym Per Johansson erscheinenden Schweden-Krimis „Der Sturm“ zu sein. Beabsichtigte Ähnlichkeiten des Mordopfers, eines deutschen Chefredakteurs, mit dem für Kultur zuständigen Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Frank Schirrmacher, stritt der 58-Jährige ab.

In der „Welt“ hatte Richard Kämmerlings - auch er Ex-FAZ-Redakteur - auf Schirrmacher als Vorbild hingewiesen. Ein Indiz: Wie dieser habe sich der fiktive Christian Meier mit Gentechnik, Demografie und den Finanzmärkten beschäftigt. Steinfeld, der unter Schirrmacher FAZ-Literaturchef war und 2001 zur Konkurrenz nach München wechselte, habe seinen früheren Chef in einer Art literarischem Rachefeldzug auf bestialische Weise getötet: Erkennbar sind nur noch die Beinstümpfe der Leiche - die ausgerechnet in Schuhen der Marke „Hutmacher“ stecken.

Steinfeld gestand nun die Ko-Autorschaft (neben Martin Winkler) - aber bloß mit der Absicht, „mit Ernst, Können und Humor einen guten Kriminalroman zu schreiben“. Alles sei fiktiv, vieles artifiziell zugespitzt. In die „abstrakte, idealtypische Gestalt“ des Toten seien die Züge vieler Kulturjournalisten eingegangen. Diese auf einen lebenden Menschen - „zudem einen respektierten Journalisten“ - zu übertragen, widerspreche dem üblichen Umgang mit fiktiver Literatur.

Tatsächlich hat auch der Schlüsselroman - ein Roman, der Rückschlüsse auf wirkliche Personen zulässt - lange Tradition. Im Nazi-Karrieristen Hendrik Höfgen in Klaus Manns „Mephisto“ erkannte man den Schauspieler Gustav Gründgens, in Martin Walsers „Tod eines Kritikers“ eine Mordattacke auf Marcel Reich-Ranicki. Auch bei Steinfeld soll es, glaubt man der Debatte in den Feuilletons, um verletzte Ehre, Kränkungen, Neid und unterdrückte Aggressionen gehen.

Provokateur Henryk M. Broder forderte in einer Glosse, die „schöne Tradition“ des Duells aufleben zu lassen. Die Autoren sollten ihre Fehde „in einem fairen Zweikampf im Morgengrauen von Mann zu Mann“ klären, statt die Leser an der Nase herumzuführen. Der Einzige, der im „irrsten Feuilleton-Schauspiel des Sommers“ (Spiegel Online) gelassen bleibt, ist derjenige, um den sich der Wirbel dreht. Schirrmacher teilte mit: „Ich lese keine schwedischen Kriminalromane.“

Reumütig gibt sich der S.-Fischer-Verlag, der für „Per Johannson“ eine aufwendige Biografie gestrickt hatte, samt Foto. Das sei zu weit gegangen, räumte Programmgeschäftsführer Jörg Bong ein. Der veröffentlicht übrigens - bislang ist das zumindest nicht dementiert - unter dem Pseudonym Jean-Luc Bannalec Krimis aus der Bretagne. (mit dpa) Per Johannson: Der Sturm. S. Fischer, 336 S., 18,99 Euro, ab 23. August

Von Mark-Christian von Busse

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