Lars von Triers „Boss vom Ganzen“ hatte am Jungen Theater Premiere

Chef wider Willen

Jonglieren mit Menschen und mit Bällen: Gintas Jocius (links) als Kristoffer und Dirk Böther als Ravn. Foto: Eulig

Göttingen. Die Idee ist natürlich schön: Ein Boss, der kein Boss sein will, weil er von seinen Angestellten geliebt werden möchte, erfindet einen „Boss vom Ganzen“, hinter dem er sich und vor allem seine unpopulären Entscheidungen verstecken kann.

Am Jungen Theater in Göttingen hatte die Komödie von Lars von Trier (Regie: Andreas Döring und Alexander Marusch) Premiere. Die große Uhr auf der Bühne steht auf fünf vor zwölf, in den braunen Bürokulissen (Bühne: Gregor Sturm) treffen sich Ravn (Dirk Böther) und der Schauspieler Kristoffer (Gintas Jocius) zur Besprechung.

Ravn, der die kleine dänische IT-Firma gegründet hatte und nun verkaufen möchte, hat ein Problem: Der Käufer, ein Dänen hassender Isländer, will nur mit dem Boss verhandeln. Da Ravn seinen Angestellten jahrelang einen fiktiven Boss vorgegaukelt hat, soll Kristoffer diesen nun spielen und dann schnell wieder verschwinden. Allerdings wird der Boss von den nichts ahnenden Angestellten gesehen und muss daher ein wenig länger bleiben als geplant.

Und dabei wird langsam klar, dass der freundliche und konfliktscheue Ravn ein mehr als übles Spiel getrieben hat. Mit persönlichen E-Mails hat er seine Leute beeinflusst, und Kristoffer muss nun mit ihren Reaktionen fertig werden und improvisieren. Und das ist durchaus spannend anzusehen und gibt besonders Jocius Gelegenheit, sich zu entfalten. Auf der Bühne gefallen neben Jocius und Böther besonders Jan Reinartz und León Schröder als isländische Delegation, den Damen des Ensembles (Agnes Giese, Felicity Grist und Franziska Beate Reincke) hat der Autor leider nur wenig Raum gegeben.

Von Trier hat einiges hineingepackt in sein Stück, böse Seitenhiebe auf Wirtschaftshierarchien und seinen persönlichen Hass auf gewisse Theatertheorien, aber der große Wurf ist es nicht geworden.

Es gibt starke Szenen, perfide Volten, auch Szenenapplaus, und man folgt dem Stück amüsiert und auch gefesselt bis zum bösen Schluss, aber die ganz große Begeisterung will sich nicht einstellen. Trotz ansprechender Inszenierung ist die Vorlage dafür nicht stark genug. Dennoch: ein amüsanter Abend und freundlicher Applaus.

Die nächsten Vorstellungen: 10., 13., 16. und 27.12. Karten: Tel. 0551 / 49 50 15.

Von Udo Angerstein

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