Chopin als ein Erbe Bachs

Spannendes Konzept: Pianist Martin Stadtfeld. Foto: Zemke/nh

Der Pianist Martin Stadtfeld hat ein außergewöhnliches Etüden-Album

Der Pianist Martin Stadtfeld (36) überrascht immer wieder mit eigenwilligen Interpretationen der bekannten Klavierliteratur. Meist sind es höchst positive Überraschungen, etwa wenn es um seine Sicht auf das Klavierwerk Johann Sebastian Bachs geht.

Jetzt hat der vierfache Echo-Klassik-Preisträger, der beim Label Sony Classical exklusiv unter Vertrag steht, ein Album mit dem Titel „Chopin+“ herausgebracht. Es handelt sich um die Einspielung der jeweils 12 Stücke umfassenden Etüdenzyklen op. 10 und op. 25. Die erste große Überraschung wird durch das Plus angedeutet: Stadtfeld spielt die Etüden nicht nur in zyklischer Form mit bewusst gesetzten kürzeren und längeren Pausen zwischen den Stücken, sondern er fügt auch zwischen den Etüden insgesamt neun eigene Improvisationen ein.

Warum das? Für Stadtfeld sind Chopins Etüden nicht in erster Linie Bravourstücke, mittels denen Pianisten ihre spieltechnische Brillanz zur Schau stellen, sondern ein zyklisches Werk mit einer tiefen Beziehung zum (ebenfalls 24 Stücke umfassenden) Wohltemperierten Klavier Johann Sebastian Bachs. Stadtfeld entdeckt sowohl bei Bach als bei Chopin Bezüge zur Form des Chorals, und in einigen seiner Improvisationen werden diese Bezüge hörbar gemacht.

Wem das alles zu versponnen erscheint, kann auch einfach Stadtfelds Spiel auf sich wirken lassen. Und das ist ungewöhnlich genug.

Zunächst verweigert er sich dem sportiven „schneller, lauter, brillanter“ vieler Kollegen. Die berühmte C-Dur-Eingangsetüde aus op. 10 spielen die meisten Pianisten heute schneller. Auch der Klang kommt einem eher einem alten Hammerflügel angenähert vor - und tatsächlich: Stadtfeld spielt auf einem Instrument des kleinen, feinen Bayreuther Klavierbauers Steingraeber & Söhne, das diesen besonderen, weichen Klang besitzt.

Fast jede Etüde klingt anders, als man es gewohnt ist. Die zurückgenommene Dynamik (die man übrigens auch Chopins Klavierspiel nachsagte) bedeutet keinen Verlust an Energie, denn Stadtfeld spielt rhythmisch besonders pointiert. Wunderbar überlagern sich in der As-Dur-Etüde op. 10 die Verläufe in der rechten und der linken Hand. Und die erste Etüde aus op. 25 (ebenfalls in As-Dur) klingt mit den sanft akzentuierten Melodietönen so, als ginge jemand auf Zehenspitzen durch ein wogendes Feld.

Stadtfeld ist aber kein Softie. Wo er es für angebracht hält, packt er auch mal die Pranke aus. Die a-Moll-Etüde op. 25/11 oder auch die „Revolutionsetüde“ op. 10/12 lässt er so brillant rauschen wie nur irgendein berühmter Kollege.

Martin Stadtfeld: Chopin+, Sony Classical, Wertung: fünf von fünf Sternen

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