1. Startseite
  2. Kultur

Claudia Roth will mehr Einfluss des Bundes bei der documenta

Erstellt:

Von: Mark-Christian von Busse

Kommentare

Die documenta in Trümmern? Über die Bilanz und die Zukunft der Kunstschau wird jedenfalls intensiv gestritten. Unsere Aufnahme ist während der Abschlussperformance der kubanischen Künstlerin Tania Bruguera am letzten Wochenende der d15 entstanden. Sie ließ drei Räume in der documenta-Halle aufstemmen.
Die documenta in Trümmern? Über die Bilanz und die Zukunft der Kunstschau wird jedenfalls intensiv gestritten. Unsere Aufnahme ist während der Abschlussperformance der kubanischen Künstlerin Tania Bruguera am letzten Wochenende der d15 entstanden. Sie ließ drei Räume in der documenta-Halle aufstemmen. © Mark-Christian von Busse

In der Debatte um die künftigen Strukturen der documenta hat Kulturstaatsministerin Claudia Roth unterstrichen, dass der Bund mehr Mitsprache haben soll.

Kassel/Berlin – Die documenta 15 und die Folgen machen weiter Schlagzeilen. Jetzt hat Kulturstaatsministerin Claudia Roth die Forderung nach einer Beteiligung des Bundes bekräftigt. Ein Überblick.

Position des Bundes

Die Grünen-Politikerin Roth fordert mehr Einfluss des Bundes auf die an der Kunstschau. An ihrer Position habe sich nichts geändert, sagte sie jetzt der Deutschen Presse-Agentur: „Wenn der Bund künftig dabei sein soll, dann biete ich das an.“ Aber: Eine weitere finanzielle Beteiligung „bedingt auch eine inhaltliche. Es muss dann auch eine Form der Mitsprachemöglichkeit geben.“ Sie habe sich nochmal an den Aufsichtsratsvorsitzenden, Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle, und die Landesregierung gewandt.

Roth spricht von einem tiefen, traurigen Schleier, der über der documenta liege und über dem, was an Ängsten und Verletzungen entstanden sei: „Es darf künftig nicht mehr so eine Art koordinierte Verantwortungslosigkeit geben, bei der plötzlich gar niemand mehr verantwortlich ist.“

Reaktionen

Die Stadt strebe keine Veränderung ihrer Gesellschafteranteile an. Die Einbindung des Bundes könne kurzfristig und ohne strukturelle Veränderungen geschehen, heißt es aus dem Kasseler Rathaus. „Das Vorschlagsrecht für die beiden vakanten Sitze im Aufsichtsrat liegt bei der Bundeskulturstiftung. Über das Kontrollgremium ist und war eine Beteiligung für den Bund jederzeit möglich“, sagte ein Stadtsprecher der dpa.

Der Bund hatte sich 2018 aus dem Aufsichtsrat zurückgezogen, die Ausstellung aber mit 3,5 Millionen Euro gefördert. Geselle war im Sommer auf Konfrontationskurs mit Roth gegangen: Kassel könne die Ausstellung im Zweifel ohne die Förderung aus Berlin finanzieren.

In Wiesbaden, wo das Kunstministerium von Roths grüner Parteifreundin Angela Dorn geführt wird, fällt die Reaktion weniger klar aus. Der Abschlussbericht der fachwissenschaftlichen Begleitung zu Verfehlungen beim Thema Antisemitismus und strukturellen Defiziten stehe noch aus. Der Aufsichtsrat werde die Experten-Empfehlungen umsetzen, Verantwortlichkeiten und Abläufe einer Überprüfung zu unterziehen. „Über den Gesamtprozess werden beide Gesellschafter mit dem Bund im engen Dialog bleiben.“

Antisemitismus-Liste

Unterdessen ist die documenta auf der Liste der schwerwiegendsten Antisemitismus-Vorfälle 2022 des Simon-Wiesenthal-Zentrums Los Angeles gelandet. Die antisemitischen Darstellungen des Banners „People’s Justice“ von Taring Padi seien ein Ausdruck davon, wie Tabus um das Zeigen von Hass gegen Juden in Deutschland bröckelten. Es gebe in der „kulturellen Elite“ Menschen, die glaubten, „Juden ungestraft verhöhnen, verleugnen, bedrohen und attackieren zu können“. Die Liste gilt allerdings als problematisch. Auch der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte Michael Blume, Publizist Jakob Augstein und UN-Botschafter Christoph Heusgen wurden dort schon platziert – was auch bei jüdischen Verbänden für Unverständnis sorgte.

Debatte ohne Dialog

Es wird viel über die documenta geredet – aber nicht im Austausch mit Vertretern unterschiedlicher Positionen. Wie beim Tikvah Institut Berlin. Einer der Gesellschafter ist Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Titel der Tagung im Dezember: „Kunstfreiheit als Ausrede? Salonfähiger Antisemitismus und documenta 15“. „Alle Sicherungen fielen aus, die Verantwortlichen haben auf ganzer Linie versagt“, so Beck über die d15. Die Politik müsse nun tragfähige Sicherungen verankern, damit sich ein solcher Tabubruch nicht beliebig wiederhole. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, beklagte: „Im Kunstbetrieb ist die Verteufelung Israels zum Normalfall geworden.“

Reza Afisina und Iswanto Hartono von Ruangrupa halten die d15 im „Zeit“-Interview nicht für gescheitert: „Dass in der Öffentlichkeit vor allem über Antisemitismus gestritten wurde, ist nichts, was ich bedaure – es ist wichtig“, sagte Afisina. Es gebe zu wenige Orte des Austauschs. „Laden Sie einfach Deutsche ein“, so Hartono, „deutsche Kuratoren, deutsche Künstler, keine Probleme, keine Diskussion. Aber wenn Sie ein internationales Format wollen, dann müssen wir diskutieren.“  mit dpa/kna

Unmöglichkeit des Dialogs: Die Aufforderung „Lass uns reden“ lässt dem Gegenüber keinen Raum – so sah der rumänische documenta-Teilnehmer Dan Perjovschi die Situation in einer seiner Zeichnungen auf dem Vorplatz des Kasseler Kulturbahnhofs.
Unmöglichkeit des Dialogs: Die Aufforderung „Lass uns reden“ lässt dem Gegenüber keinen Raum – so sah der rumänische documenta-Teilnehmer Dan Perjovschi die Situation in einer seiner Zeichnungen auf dem Vorplatz des Kasseler Kulturbahnhofs. © Mark-Christian von Busse

Auch interessant

Kommentare