Interview: Klassischer Musikverlag in Krisenzeiten

Clemens Scheuch als Geschäftsführer beim Kasseler Bärenreiter-Verlag

Neuer Geschäftsführer Bärenreiter-Verlag: Clemens Scheuch.
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Kümmert sich ums Krisenmanagement: Clemens Scheuch.

Der weltweit renommierte Bärenreiter-Verlag hat einen neuen Geschäftsführer: Mit Clemens Scheuch steigt die dritte Generation in die Unternehmensführung ein. Er bearbeitet Folgen der Pandemie. Ein Interview

Kassel -

Hatten Sie in jungen Jahren mal den Wunsch, auszubrechen und etwas ganz Anderes zu machen?
Klar, im Teenageralter gab es Phasen, wo man möglichst wenig mit der Familie zu tun haben wollte. Meine Eltern haben das klug angestellt und nie eine Erwartungshaltung ausgedrückt, was wir beiden Söhne machen sollen.
Wie war es, in einer Familie von Musikverlegern aufzuwachsen?
Das hat mich sehr geprägt und neugierig auf die Welt der Musik gemacht. Zu Hause waren oft eindrucksvolle Leute zu Gast. Wir haben als Kinder mit denen gespielt und herumgetollt. Erst später wurde mir bewusst, welche Berühmtheiten das zum Teil waren, Musiker oder Komponisten. Bei all diesen Menschen habe ich schon als Kind eins bemerkt: eine außergewöhnliche Leidenschaft für die Musik. Das prägt – und bald war mir klar, dass Musik in meinem Leben einen wichtigen Platz einnehmen soll.
Musizieren Sie selbst?
Ich sage immer, ich spiele am Klavier, denn wenn man mit professionellen Pianisten zu tun hat, relativiert sich das eigene Können doch massiv. Aber für mich ist es okay. Als Schulfreunde hatten wir mal ein eigenes Label – mit extrem begrenztem Erfolg. Als Jugendlicher habe ich in einer Band Keyboard gespielt und die Technik installiert.
Das passt zu Ihrem Studium als Toningenieur.
Ja, das war super, hat mich aber nicht völlig ausgefüllt. Ich wollte danach mit einem Studium im Bereich Kulturwirtschaft weitermachen. Das hat aber nicht nahtlos angeschlossen – und in dem Moment haben die Eltern strategisch klug gefragt, ob ich nicht im Verlag mitarbeiten will. Irgendwann hätten sie sonst für ihre Nachfolge auch andere Weichen stellen müsen. Ich habe dann immer mehr Projekte bekommen und bin hineingewachsen.
Was nehmen Sie aus dem Studium mit?
Ich habe ein ganz anderes Hören entwickelt. Nicht nur auf den Gesamteindruck, sondern in dem großen Ganzen auch auf einzelne Stimmen zu hören. Gerade Klänge im Hintergrund sind für die Gesamtwirkung oft entscheidender. Das lässt sich gut auf den Verlag übertragen.
Welche Grundweisheit haben Ihre Eltern Ihnen für die Arbeit vermittelt?
Dass es nur gemeinsam geht, der Zusammenhalt innerhalb der Belegschaft ist ganz wichtig. Die Verleger geben zwar den Kurs vor, aber für den Erfolg sind sie nicht allein zuständig. Wenn man den Beruf nicht mit voller Überzeugung ausüben möchte, sollte man es lassen. Das wäre unfair. Ich höre auch von den Komponisten, mit denen wir zusammenarbeiten, dass ihnen dieser Geist, der familiäre Gedanke bei Bärenreiter besonders wichtig ist.
Als Geschäftsführer steigen Sie mitten in der Pandemie ein. Womit sind Sie aktuell beschäftigt?
Krisenmanagement. Leider passen viele Instrumente der staatlichen Unterstützung für die Musikverlage nicht. Ich bin Vizepräsident des Verbandes und die Branche ist sich einig, dass der Preis für uns alle sehr hoch sein wird. Es gibt jetzt immerhin Unterstützung vom Bund für entgangene Tantiemen und Aufführungsgebühren.
Wie funktioniert das?
Man muss nachweisen, dass man einen Umsatzrückgang hatte, die Summe ist gedeckelt auf 300 000 Euro pro Unternehmen. Das wird aber mit dem Kurzarbeitergeld verrechnet.
Sie haben Kurzarbeit?
Das ist seit 1. April 2020 unser wichtigstes Instrument, sie hilft immens, um die Liquidität möglichst lang zu sichern. Schon früh hatten wir Krisenszenarien entwickelt, und mit einem Umsatzrückgang von 60 bis 70 Prozent gerechnet. Vermutlich landen wir bei etwa 40 Prozent.
Was kann der Verlag noch tun gegen die Krise?
Wir haben viele Vorhaben unserer Lektoren gestoppt und uns erstmal auf Projekte konzentriert, die schnellen Rückfluss bringen. Normalerweise kalkulieren wir, dass eine Auflage erst nach drei bis vier Jahren überhaupt die Honorare und den technischen Werkseinsatz eingebracht hat und sich erst dann rechnet. Wir arbeiten mit einer Mischkalkulation, finanzieren unsere Neuerscheinungen mit den Erträgen aus dem Katalog vor.
Wie wird es weitergehen?
In der Fachwelt sind wir uns einig, dass die Verlags- aber auch die Konzertbranche nach der Pandemie nicht mehr so sein und nicht mehr so werden wird wie zuvor. Noch 2022 und 2023 werden wir das Pandemiejahr spüren.
Inwiefern?
Aufführungsgebühren und Tantiemen fallen weg, das merkt der Bereich der Unterhaltungsmusik noch stärker. Wir werden spüren, dass Bibliotheken und Institute geringere Budgets haben und weniger Material bestellen werden. Viele kleinere Ensembles, die nicht staatlich finanziert sind, wird es vermutlich nicht mehr geben, Solo-Musiker werden die lange Durststrecke nicht überstehen. Hochbegabte Studierende, die ihre Ausbildung nicht fortsetzen können, werden sich umentscheiden, irgendwann ist die Chance vertan, eine Musikerkarriere zu beginnen. Aber man muss sagen, dass wir in Deutschland insgesamt besser aufgestellt sind, als in anderen Ländern.
Wie wird sich das Zuschauerverhalten entwickeln?
Die Leute werden auch nach der Pandemie vorsichtig sein und nicht wieder sofort in Konzerte strömen. Aber die Sehnsucht nach Kultur ist da. Klar ist, der Kulturbereich wird als Letztes hochgefahren, ich verstehe das ja alles, aber desto größer sind die Schäden. Die Kultur- und Kreativwirtschaft hat eine derartig große Bruttowertschöpfung, mit rund 100 Milliarden Euro liegt sie noch über den Finanzdienstleistern. Unsere Sorgen und Schwierigkeiten werden aber von der Politik immer noch nicht richtig erkannt.
Welche Rolle spielt die Digitalisierung bei Ihnen, etwa bei Noten?
Da gibt es viel, von pdfs, die man auf dem Bildschirm anschaut, bis zu komplett interaktiven Partituren, die automatisch weiterrollen. Wir stellen aber nur die Inhalte zur Verfügung, nicht die Technik. Es findet ein gewaltiger Umbruch statt, aber das, was unsere gedruckten Ausgaben leisten können, muss verfügbar bleiben. Ich glaube, es wird immer Papier und Digitales parallel geben. Zum Studieren sind viele Dirigenten froh, wenn sie die Partituren auf dem Computer haben und nicht den schweren Notenkoffer schleppen.
Und soziale Medien?
Sind wichtiger geworden. Früher haben wir über Fachmessen und den stationären Handel den Kontakt zu Akteuren vor Ort gehalten, zum Beispiel zu Chören. Jetzt sind wir auf Facebook und Twitter aktiv, mit dieser schnellen, und teilweise auch mutigeren Ansprache erreichen wir ganz neue Zielgruppen. Klar, nicht jeder Follower wird ein Kunde, aber wir merken, dass Musiker sich teilweise dort mal eben kurz nach einer Ausgabe erkundigen, die sonst vielleicht nicht auf klassischem Weg Kontakt zu Bärenreiter aufgenommen hätten. Da entsteht neue Kommunikation.

Zur Person

Clemens Scheuch (40) aus Kassel studierte nach dem Abitur an der Jacob-Grimm-Schule Toningenieur. Schon früh wirkte er im elterlichen Verlag mit, 2007 Assistent, 2011 Mitglied der Geschäftsleitung. Zu den weiteren beruflichen Stationen Scheuchs gehörten die Bereiche Vertrieb, Produktcontrolling, die Aufgabe als Prokurist für die Kasseler Groß-Auslieferung, das Geschäftsfeld Neue Medien und die Geschäftsführung der Auslandsunternehmen. Seit Januar 2020 Bärenreiter-Geschäftsführer. Parallel wird Scheuch auch Geschäftsführer bei der Bühnenagentur Alkor-Edition und der Neuwerk Buch- und Musikalienhandlung. Er ist zudem Vizepräsident des Deutschen Musikverleger-Verbands. Der verheiratete Vater zweier Kinder meistert derzeit mit der Familie außerdem die Herausforderungen von geschlossener Grundschule und Kita.

Zum Verlag

Die Wandervogelbewegung prägte in den 1920er-Jahren den Augsburger Buchhändlergehilfen und Maurersohn Karl Vötterle. Nach der „Finkensteiner Singwoche“ in Mährisch-Trübau in der damaligen Tschechoslowakei, entschied er sich 1923, die „Finkensteiner Singbewegung“ zu fördern und die „Finkensteiner Blätter“ mit Liedern der Jugendbewegung zu veröffentlichen. Das Symbol der jungen Menschen, der Stern Alkor im Sternbild des Großen Bären, wurde zum Logo des Verlags und zu dessen Namen Bärenreiter. Schon ab 1925 kam Musik von Dowland, Bach und Schütz hinzu .1927 ging es nach Kassel, wo der Schwiegervater Vötterles ein Grundstück anbieten konnte. 1930 erlangte Bärenreiter weite Bekanntheit mit Herausgabe der Quempas-Lieder, alter Weihnachtsgesänge, die bis heute musiziert werden. In der NS-Zeit wurde der Finkensteiner Bund gleichgeschaltet, Vötterle führte die Aktivitäten aber weiter. Der von ihm herausgegebene christliche „Sonntagsbrief“ wurde verboten. 1945 Zerstörung des Verlagsgebäudes. 1946 Wiedererteilung der Verlagslizenz. 1949 wurde die erste Ausgabe der schnell zum Standardwerk werdenden Enzyklopädie MGG, „Musik in Geschichte und Gegenwart“, ausgeliefert. Vollendet 1987 mit 17 Bänden. Zum Portfolio des weltweit operierenden Hauses gehören ferner wissenschaftlich-kritische Notenausgaben, aus denen Ausgaben für die Praxis entstehen. Ab den 50ern: Verlagsübernahmen und internationale Expansion. Nachfolger Karl Vötterles (1903-1975) wurden seine Tochter Barbara Scheuch-Vötterle (geboren 1947) und ihr Mann Leonhard Scheuch (geboren 1938). Konzentration auf die Kernbereiche des Verlags, die Notenprogramme. Rund 150 Beschäftigte arbeiten bei Bärenreiter. 2020 Neue Beethoven-Ausgaben auf Basis des Urtextes. Die Verlegerfamilie fördert seit jeher viel Kultur in Kassel.

Von Bettina Fraschke

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