Vom Clip-Regisseur zum Popstar: Woodkid aus Frankreich

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Multitalent mit einer Vorliebe für Schwarz-Weiß: Der französische Pop-Künstler Woodkid alias Yoann Lemoine.

Die „neue Pathosformel“, von der „Spiegel“-Redakteur Tobias Rapp anlässlich von Woodkids Debüt „The Golden Age“ schrieb, ist gar nicht neu. Sie hat einen Bart.

Womit wir wieder bei Woodkid aus Frankreich wären. Eigentlich heißt der Künstler Yoann Lemoine. „The Golden Age“, eine veritable Pop-Oper mit donnernden Pauken, sphärischen Orgelsounds und dunklen Streichern, ist auch deshalb bemerkenswert, weil der 30-Jährige es nebenbei gemacht hat.

Lemoine ist Illustrator, Fotograf und Regisseur. Einer von diesen Typen, die, ähnlich wie der drehbuchschreibende, an der Uni studierende und kunstschaffende Hollywood-Schauspieler James Franco, alles gleichzeitig machen, ohne auf irgendeinem Gebiet radebrechend zu dilettieren.

Der Vollbartträger dreht geschmackssichere Videoclips in Schwarzweiß mit anmutig darin herumtrappelnden oder umherschleichenden wilden Tieren - Musikvideos für Stars wie Lana del Ray, Katy Perry und Rihanna. Sie sind das, womit Lemoine zuerst berühmt wurde.

Und er ist, wie gesagt, nicht der erste, der es darauf anlegt, den Hörer mit einem halben Orchestergraben, dichten Arrangements und zum Himmel fahrenden Melodiebögen fest zu umschlingen, ohne das butterzart Dahingetupfte sausen zu lassen. Antony Hegarty und Rufus Wainwright haben vor bald zehn Jahren die Lücke zwischen E- und U-Musik mit rotsamtenem Brokat verhängt. Zuletzt bekam die Pathosformel von Acts wie How To Dress Well und James Blake einen elektronischen Dreh verpasst.

Überall Pathos also, so oder so? Im Grunde müsste man sich fragen, warum es immer noch nicht genug ist - woher dieser Riesenappetit? Und wird doch keine Antwort darauf finden, der man nicht sofort widersprechen könnte, indem man einen halbwegs entgegengesetzten Trend präsentierte. Alles ist ja da: das Schlanke, das Dichte, das Harte, das ganz Dolle, das Superweiche.

Trotzdem: Mit einer Stimme wie der von Woodkid gibt der Zeitgeist gern an. Sie ist sehr androgyn, ein ganzer Wald verwirrter Gefühle, irritierend unmännlich also, was nichts macht, weil er damit ja nicht Fußball spielen muss. Geschlechterverwirrung ist gewiss nicht groß in Mode. Gleichwohl ist sie groß in der Mode, in der Kunst, auf dem Laufsteg, im Pop, wo alles Unmännliche ein gern gesehener Gast ist, weil es die Geschlechteridentitäten und traditionelle Rollenmuster nicht ernsthaft infrage stellen kann.

Der Erfolg von „The Golden Age“ ist freilich auch ein Nebeneffekt von Lemoines glamourös aufgeladener Clip-Regisseurstätigkeit. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit war bereits da. Alle haben gewartet und die Erwartungen multipliziert. Man muss halt die richtigen Leute in der Szene kennen.

Woodkid: The Golden Age (Island / Universal).

Wertung: drei von fünf Sternen

Von Michael Saager

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