„Cloud Atlas“ ist großes Star-Kino zum Staunen

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Moment der Ekstase: Rufus (James d’Arcy, links) und Komponist Robert (Ben Whishaw) im Porzellanregen.

Alle Erzählerstimmen verschmelzen zu einer, sagt Tom Hanks am Anfang. Da ist er ein gesichtstätowierter Weißbart am Lagerfeuer. Auch der XL-Film „Cloud Atlas“ von den Regisseuren Tom Tykwer, Lana und Andy Wachowski funktioniert so.

Sechs Geschichten aus 500 Jahren werden gleichzeitig erzählt. Und das Zuschauen ist drei Stunden lang eine kurzweilige, staunenmachende Entdeckungsreise. Das ist geniales Kino.

Auf einem Schiff kämpft 1849 ein Anwalt gegen die Sklaverei und wird von seinem Arzt (Hanks) langsam vergiftet. Ein junger Komponist arbeitet 1936 in Großbritannien an einem bahnbrechenden Werk und muss sich gegen einen Konkurrenten behaupten. 1973 deckt eine mutige Journalistin mit einem Wissenschaftler (Hanks) Machenschaften eines Atomkonzerns in San Francisco auf. 2012 muss sich ein Verleger gegen die Anfeindungen eines zwielichtigen Autoren (Hanks) wehren und wird auf eine aberwitzige Reise in ein Horrorhotel geschickt.

2144 kommt im koreanischen Neo-Seoul die geklonte Arbeitsbiene Sonmi auf ein fürchterliches Geheimnis der herrschenden Diktatur und wird zur Ikone des Widerstands. 2346 schließlich ist der fortschrittsgläubige Kapitalismus untergegangen. Doch dann stellt auf einmal ein grummeliger Ziegenhirte (Hanks) die in seinem Dorf allgegenwärtige Angst vor Veränderung infrage und wagt den Aufbruch in eine bessere Zukunft. Bis er später als Greis am Lagerfeuer sitzt und das Menschheits-Epos erzählt.

Wie „Cloud Atlas“. Basierend auf dem Roman von David Mitchell bieten die Regisseure in der mit 100 Millionen Euro teuersten deutschen Regiearbeit aller Zeiten eine hochklassige Leistungsshow des Films. Sie haben verstanden, dass Kino sich gegen den Bilderkonsum auf Computer und Fernseher nur mit Eigenständigkeit und Mut zur Größe behaupten kann.

Was macht den Menschen aus? Freiheitswille, Hilfsbereitschaft, Hoffnung auf ein besseres Leben. Die Figuren streben genau danach, in ihrer jeweiligen Zeit und Welt. Sie sind miteinander verbunden, zeigt der Film, der die Geschichten so eng verwebt, dass ein Gefühl von Gleichzeitigkeit entsteht. Das wird verstärkt durch die Darsteller, die in verschiedenen Stories auftauchen, neben Hanks etwa Halle Berry, Jim Broadbent, Ben Whishaw, Hugh Grant. Sie wandern - gestaltet mit allen Tricks der Maskenbildnerei - außerdem durch die Genres: Polit-Thriller, Science-Fiction, Abenteuer-Epos und Grusel-Klamotte.

Und es gibt noch viel mehr zu entdecken: Wenn die Arbeitsklone 2144 zum Recycling ihrer Körper schreiten, erklingt jene Musik, die der Komponist 1936 schrieb, und die die Journalistin 1973 im Plattenladen entdeckt. Sonmi betrachtet 2144 in einem Film die Geschichte des Verlegers von 2012, der in einem Buch vom Atom-Skandal der 70er erfährt. Botschaft: Wir sind miteinander verbunden. Und unser Lagerfeuer ist das Kino.

Genre: Literaturverfilmung

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: fünf von fünf Sternen

Von Bettina Fraschke

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